Christoph Menke

Am Tag der Krise

Kolumnen

Mit einem Vorwort von Carl Hegemann

„Am Tag der Krise“ bezeichnet eine Untersuchungsweise. Es ist der Name eines methodischen Programms. „Der Tag der Krise“ bezeichnet nicht das Thema und nicht der Gegenstand, sondern die Perspektive des Nachdenkens. Es heißt, von der Krise her und auf die Krise hin zu denken.

Das verlangt zweierlei zugleich: Vom Tag der Krise aus zu denken bedeutet zuerst, danach zu fragen, ob die selbstverständlichen Grundannahmen der bestehenden Ordnung haltbar sind. Die bestehende liberale Ordnung gründet auf der Annahme, daß die Menschen frei und gleich an Rechten geboren sind. Der Tag der Krise stellt diese Annahme in Frage: Ist die Freiheit eine natürliche Gegebenheit, von der wir ausgehen können? Und ist der Kampf für gleiche Rechte die richtige Antwort auf die Erfahrung von Unterdrückung und Ungerechtigkeit? Oder müssen die Verhältnisse von Natur und Freiheit und von Gleichheit und Rechten neu und anders gedacht werden? Die Krise ist aber nicht nur eine Krise der Ordnung, sondern ebenso sehr die Krise der Veränderung der Ordnung. Wie kann die Möglichkeit der Revolution nach ihrem Scheitern neu gedacht werden? Und wie ist die Erfahrung des Exodus zu verstehen, daß mit dem Auszug aus der Herrschaft die Knechtschaft nicht aufhört, sondern anhält und fortdauert? Und schließlich: Läßt sich für diese Fragen etwas von der Kunst des Theaters lernen?

Christoph Menke ist Professor für Philosophie am Institut für Philosophie der Goethe-Universität Frankfurt am Main. Zuletzt sind von ihm erschienen: Kritik der Rechte (2015) und Kraft (2. Aufl. 2017).