Eva Geulen

Aus dem Leben der Form

Goethes Morphologie und die Nager

Goethe besaß vermutlich weder Hamster noch Meerschweinchen. Vielleicht wusste er deshalb nicht, was Haustierbesitzer rasch in Erfahrung bringen: Nagen muss der Nager, weil die markanten Schneidezähne dieses Geschlechtes sonst ins Uferlose wüchsen und das Tier verhungern müsste. So aber blieb dem Dichter der Nagetiere „fast krampfhaft leidenschaftliches, absichtslos zerstörendes Knuspern“ eine Quelle der Beunruhigung. Zu ihr trägt auch das „unstet schwankende“ Erscheinungsbild dieses vielgestaltigen Geschlechtes bei, „das einer gewissen Willkür der Bildung bis zur Unform hinzugeben in Lockerheit gelassen ist“. – Solche im Vergleich zu morphologischen Kern-Aussagen Goethes weniger bekannten Formulierungen sind Anlass einer Re-Lektüre seiner „Hefte zur Morphologie“ (1817-1824) als eine scharfsinnige und überraschend unberuhigte, gleichsam nachhaltige Theorie verzeitlichter (Lebens)Form, deren Bedeutung für spätere Überlegungen zu Form- und Lebensfragen zu erweisen ist.

Eva Geulen ist Professorin für europäische Kultur- und Wissensgeschichte an der Humboldt-Universität zu Berlin und Direktorin des Zentrums für Literatur- und Kulturforschung Berlin. Zuletzt ist von ihr erschienen: Giorgio Agamben zur Einführung (2. erweiterte und überarbeitete Auflage 2009) und Das Ende der Kunst. Lesarten eines Gerüchts nach Hegel (2002).

Inhaltsverzeichnis

Vorbemerkung

7

1. Einleitung

9

2. Die Skelette der Nagetiere, abgebildet und verglichen von D’Alton. Erste Abteilung: zehn Tafeln, zweite: acht Tafeln. Bonn. 1823 und 24.

Johann Wolfgang Goethe

23

3. Zugriff und Verfahren

31

4. ‚Innen‘ und ‚Außen‘ (Physiognomik und Morphologie)

49

5. Schwanken

65

6. Schaukel, Sprung und Flug

77

7. Analogien (Lesarten Kants)

87

8. Sammeln und seine Medien

99

9. Reihenbildung

109

10. Das Kaleidoskop der Hefte (Natur und Kunst, Geschichte und Literatur)

123