Maria Muhle und Christiane Voss (Hg.)

Black Box Leben

Mit Beiträgen von Michael Cuntz, Monica Greco, Astrid Deuber-Mankowsky, Thomas Elsaesser, Eva Geulen, Erich Hörl, Thomas Khurana, Maria Muhle, Christian Schmidt, Chris Tedjasukmana, Jan Völker und Christiane Voss.

Der Band Black Box Leben stellt die Frage, was heutzutage vor dem Hintergrund der epistemischen und methodischen Verunsicherungen im theoretischen Zugriff auf die Kategorie des „Lebens“ im Schnittpunkt von Technik- und Medienphilosophie, Wissenschaftsgeschichte und Ästhetik zu denken sein kann. Da „Leben“ zwischen den unterschiedlichen Beschreibungsrahmen in viele, zum Teil inkompatible Bedeutungen zerspringt, wird es tentativ als eine Art Black Box-Phänomen adressiert. Der Anspruch des vorliegenden Bandes ist es somit, ohne gesichertes Wissen über die Ontologie des Lebens zu generieren, dessen gleichwohl beobachtbare Funktionen und beschreibbare Verhaltens- und Ausdrucksmodi zu erörtern. Dabei wenden sich die Beiträge vor dem Hintergrund der gegenwärtig breit geführten Debatte um Biopolitik auch den Motiven einer Kontroverse zu, die seit dem 17. Jahrhundert um den Lebensbegriff zwischen den so genannten ‚Vitalisten‘ und ‚Mechanisten‘ geführt worden ist. Als Grundmotivation dient dem Band dabei die Intuition, dass der Antagonismus von determinierbarer Lebensmechanik und unbegreiflicher Lebensspontaneität das Spektrum der möglichen Beschreibungen von Lebensmanifestationen bei weitem nicht hinreichend abzustecken vermag. Ebensowenig macht es Sinn, Begriffe von Mechanik und Technizität sowie Artifizialität auf der einen Seite mit Spontanität und Natur auf der anderen Seite abstrakt zu kontrastieren. Auch Strategien der ästhetischen Verlebendigung können sich in unterschiedlichen Kontexten und auch jenseits der Künste als funktional für eine Bildung des Wissens vom Leben erweisen, auch wenn sie selbst epistemisch undurchdringlich bleiben. Inwieweit auch Hybridisierungen von biologischen und anderen Faktoren zentral sind für die Hervorbringung von Leben und lebendiger Zeit, die man dann vereinheitlichend „Geschichte“ oder „Evolution“ nennt und wie auch Qualitäten und Momente des Unbelebten, des Nicht-Lebendigen und sogar des Toten konstitutiv für lebendige Prozesse sein können, wird in diesem Band, im Blick auf zeitgenössische Diskurse und Dispositive, verhandelt. Dem in vielen Hinsichten allzu statischen und normativen Diskurs der Lebenswissenschaften, die mit ihrem Anspruch auf einen privilegierten Zugang zum Thema auch wissenspolitisch zu dominieren versuchen, wird hier ein lebendiger Polylog zur Seite gestellt, der die dauernde Herausforderung nach Veränderbarkeit und Revidierbarkeit seiner eigenen Prämissen und Verständnisse vom „Leben“ als produktive Verunsicherung im Denken des Lebens explizit zulässt.

Maria Muhle ist Professorin für Philosophie und Ästhetische Theorie an der Akademie der Bildenden Künste München. Zuletzt ist von ihr erschienen: Eine Genealogie der Biopolitik. Zum Begriff des Lebens bei Foucault und Canguilhem (2008/2013).

Christiane Voss ist Professorin für Philosophie audiovisueller Medien an der Fakultät Medien der Bauhaus-Universität Weimar. Zuletzt ist von ihr erschienen: Der Leihkörper. Erkenntnis und Ästhetik der Illusion (2013) sowie Körper des Denkens. Neue Positionen der Medienphilosophie, hg. zus. mit Lorenz Engell, Frank Hartmann (2013).

Inhaltsverzeichnis

Black Box Leben. Zur Konstruktion eines Leitbegriffs in den Wissenschaften und Künsten

Maria Muhle und Christiane Voss

9

Was sind Vitalideen? Zu Deleuzes/Guattaris und Whiteheads Verbindung von Intensität und Subjektivität

Astrid Deuber-Mankowsky

17

Zur Vitalität des Vitalismus

Monica Greco

39

Meillassoux’ Treue zu Kant. Materialismus und Vitalismus des ästhetischen Urteils

Jan Völker

59

Vitalismus. Scheitern und Rechtfertigung einer Idee

Christian Schmidt

81

Leben der Form. Praktische Vernunft nach Kant und Hegel

Thomas Khurana

105

Form-Wissen bei Lukács und Benjamin

Eva Geulen

137

Leben als Bewegung: Kino, Energie, Entropie

Thomas Elsaesser

153

Henri Bergson, das Kino und der Postvitalismus

Chris Tedjasukmana

181

Von der Black Box zur Coloured Box oder: Dioramatische Perspektiven des Lebendigen

Christiane Voss

211

„Technisches Leben“. Simondons Denken des Lebendigen und die allgemeine Ökologie

Erich Hörl

239

Vivant à la limite – Das Lebendige als Grenzphänomen in Simondons Philosophie der Transduktion

Michael Cuntz

269

Formen und Formierungen des Lebendigen

Maria Muhle

301