Alexander García Düttmann

Gegen die Selbsterhaltung

Ernst und Unernst des Denkens

Alexander García Düttmanns „Gegen die Selbsterhaltung“ bündelt einzelne, eigentlich unvereinbare Texte, die kürzer oder länger ausfallen, sowohl für akademische als auch für außerakademische Anlässe geschrieben wurden und von Gegenständen handeln, die nur schwer miteinander verglichen werden können — Texte über die Ausrottung der Männer durch die Frauen, über das Denken als Vermögen und das Ungedachte im Denken, über den Unterschied zwischen Kunst und Design, über das Kotzen des Feinschmeckers, über die Erklärung politischer Unabhängigkeit, über das Zeitgenössische und über die Frage, warum man eine Photographie verbrennen sollte. Hat eine solche Sammlung nicht den Charakter des Unernsten, gar Frivolen? Ja und nein. Denn was diese Texte verbindet, was ihr gemeinsames Anliegen darstellt, ist die Überzeugung, dass der Ernst des Denkens den Unernst benötigt. 

Was ist Ernst? Etwas wird zu einer ernsten Angelegenheit, wenn die Selbsterhaltung in irgendeinem Sinne auf dem Spiel steht. Darum lässt sich einerseits immer sagen, dass der Versuch, die Selbsterhaltung zu übersteigen, nicht ernsthaft sein kann, während sich aber andererseits ebenfalls sagen lässt, nichts sei ernsthafter als ein solcher Versuch der Übersteigung. Solange das Denken in der Sorge um seine Selbsterhaltung befangen bleibt, um seine Wiedererkennbarkeit und seine Behauptung, ist es noch nicht Denken, muss es dauernd ein Außen, ein Nicht-Denken oder Undenkbares abwehren, das es selbst auch schafft. Sein Ernst verschließt sich ihm, weil es ihn nicht in ein Verhältnis zu einem Unernst treten lässt. An das Unbedingte, auf das es immer zielen muss, rührt das Denken erst, wo Ernst und Unernst eine Konstellation bilden, ja sich an einem Indifferenzpunkt berühren und nicht mehr unterschieden werden können.

Rezension:

» Morten Paul in theoriekritik.ch

Alexander García Düttmann ist Professor für Philosophische Ästhetik, Kunstphilosophie, Kulturtheorie und Kunsttheorie an der Universität der Künste in Berlin. Zuletzt sind von ihm erschienen: Teilnahme. Bewußtsein des Scheins (2011) sowie Was weiß Kunst? Für eine Ästhetik des Widerstands (2015).

Inhaltsverzeichnis

Vorbemerkung

9

Erstes Auge: Gegen die Selbsterhaltung oder kann SCUM es ernst meinen?

11

Zweites Auge: Kein Denker versteht sich selbst

33

Drittes Auge: Das Ungedachte

47

Viertes Auge: Gesagt, getan oder die Überlebenden

61

Fünftes Auge: Euphemismus und Ungehorsam in der Universität

75

Sechstes Auge: Popularität

87

Siebtes Auge: Für und gegen das Zeitgenössische

105

Achtes Auge: Dilemmata der Form

127

Neuntes Auge: Nie sollst Du mich befragen

147

Zehntes Auge: Die Teilnahme an Kunst. Küche, Design, Oper

155

Elftes Auge: Was ist ein Stichwort?

187

Zwölftes Auge: Die Anfälligkeit der Freundschaft

197

Dreizehntes Auge: Empfindsame Zickzackreise in die Unabhängigkeit

203

Vierzehntes Auge: Fotografie ohne Kunst

223

Fünfzehntes Auge: Warum soll man eine Fotografie verbrennen?

229

Sechzehntes Auge: Kleine Collage mit Mensch und Tier

245