Rüdiger Campe, Christoph Menke and Anselm Haverkamp

Baumgarten-Studien

Zur Genealogie der Ästhetik

Alexander Gottlieb Baumgartens 300. Geburtstag im Juni 2014 ist Anlass für eine Bilanz. Die Sage von der Erfindung der Ästhetik, die ihm anhängt, beschreibt seine mögliche Aktualität nur sehr unvollkommen. Dazu gehört die einseitig zu Ungunsten Baumgartens ausgelegte Frage, wie viel seine Ästhetik der alten Rhetorik und ihren Techniken der Unterweisung verdankt. Ein angemesseneres Verständnis könnte damit beginnen, die unterschätzten rhetorischen Voraussetzungen von Baumgartens Ästhetik neu zu denken.

Tatsächlich ist das Fortleben der Rhetorik, der in Deutschland Kant den philosophischen Garaus gemacht hat, in der englischen und französischen Tradition tragend geblieben. In der sprachanalytischen Philosophie, in Strukturalismus und Poststrukturalismus wurde die rhetorische Tradition zur Grundlage einer Theorie-Avantgarde, der es bei Rhetorik um Strukturfragen und nicht allein um eine Wirkung geht, die man verlegenheitshalber ‚ästhetisch‘ nennen kann. Rhetorik ist die transhistorische Klammer, innerhalb derer sich die verkannten Voraussetzungen Baumgartens und der jüngste Theorie-Bedarf treffen.

Was 2014 in der Erinnerung an Baumgarten in Erwägung zu ziehen und im Theorie-Kontext seiner Zeit zwischen Herder und Vico aufzusuchen ist, ist ein neues Verhältnis und eine andere Geschichte von Philosophie und Literatur, deren Zusammenspiel in der Ästhetik Baumgartens auf einen bis heute nicht erledigten Stand gebracht war. Was die Beiträge des vorliegenden Bandes verbindet, ist das neue Erkenntnisinteresse, das aus diesem Verhältnis zu entwickeln ist und eine grundlegend andere Geschichte dieses Zusammenspiels verlangt.

Rüdiger Campe ist seit 2007 Professor of German Language and Comparative Literature an der Yale University in New Haven. Zuletzt sind von ihm erschienen: Penthesileas Versprechen. Exemplarische Studien über die literarische Referenz (2008) sowie The Game of Probability. Literature and Calculation from Pascal to Kleist (2013).

Christoph Menke ist Professor für Philosophie am Exzellenzcluster „Die Herausbildung normativer Ordnungen“ und am Institut für Philosophie der Goethe-Universität Frankfurt am Main. Zuletzt sind von ihm erschienen: Kraft. Ein Grundbegriff ästhetischer Anthropologie (2008) sowie Die Kraft der Kunst (2013).

Anselm Haverkamp ist emeritierter Professor of English an der New York University und Honorarprofessor für Philosophie an der Universität München. Zuletzt sind von ihm erschienen: Shakespearean Genealogies of Power (2011) sowie Hans Blumenberg: Paradigmen zu einer Metaphorologie (Autor und Hg., 2013).

Inhaltsverzeichnis

Vorbemerkung

9

Bibliografischer Hinweis

13

‚Wie die Morgenröthe‘. Baumgartens Innovation

Anselm Haverkamp

15

Bella Evidentia. Der Begriff und die Figur der Evidenz in Baumgartens Ästhetik

Rüdiger Campe

49

Das Wirken dunkler Kraft: Baumgarten und Herder

Christoph Menke

73

Effekt der Form. Baumgartens Ästhetik am Rande der Metaphysik

Rüdiger Campe

117

Ästhetik und Poetik. Martin Opitz im Schatten Baumgartens

Anselm Haverkamp

147

Vier Tropen bei Vico und Baumgarten. Zur Inversion von Kulturwissenschaft und Ästhetik

Rüdiger Campe

173

Empson’s Type IV. Avantgarde der Kritik und Vorgeschichte der Ästhetik

Anselm Haverkamp

203

Die Disziplin der Ästhetik ist die Ästhetik der Disziplin. Baumgarten in der Perspektive Foucaults

Christoph Menke

233

Textnachweise

249

Namenregister

250

Zu den Autoren

255