Eric Santner

Gesetz und Paranoia

Freud, Schreber und die Passionen der Psychoanalyse

Lacanian Explorations III

Aus dem Englischen von Katja Breidenbach und Dominik Finkelde

Kurz nach seiner Ernennung zum Senatspräsidenten am Oberlandesgericht Dresden im Jahr 1893 erleidet Daniel Paul Schreber einen psychotischen Zusammenbruch. Zehn Jahre später erscheinen seine Denkwürdigkeiten eines Nervenkranken, die zur Vorlage von Sigmund Freuds berühmter Abhandlung über die Paranoia (1911) werden. Beide Schriften stellen Eric Santner zufolge Schlüsseltexte der europäischen Moderne dar: Sie lassen die Genese von fundamentalen Krisenerscheinungen des 20. Jahrhunderts erkennbar werden, wie sie etwa auch Franz Kafka oder Walter Benjamin schildern. Vor allem geht es dabei um Krisen der sozialen Autorisierung und um das verstörende Wirken der nicht assimilierbaren Mächte symbolischer Rechtskraft. Unter diesen Mächten zerbrach, so Santner, die Psyche des Richters Schreber, der „im Namen des Volkes“ Recht sprechen sollte und dazu nicht in der Lage war. Zu einer Quelle der Verstörung werden sie jedoch auch bei Freud, dessen Lehre vom Unbewussten ihrerseits von Fragen der symbolischen Autorisierung und Rechtskraft heimgesucht wird.

In der Reihe Lacanian Explorations erscheint der erste Teil von Eric Santners mittlerweile zum Klassiker gewordenen Buches My Own Private Germany. Daniel Paul Schreber’s Secret History of Modernity (1996) erstmals in deutscher Übersetzung.

Eric Santner ist Professor für Neuere deutsche Literatur und Jüdische Studien an der University of Chicago. Er hat zu Rosenzweig, Freud, Benjamin, Sebald, Rilke, Kafka und zur Theorie der Psychoanalyse publiziert. Zu seinen jüngsten Buchveröffentlichungen zählen The Royal Remains. The People’s Two Bodies and the Endgames of Sovereignity (2011) und The Weight of All Flesh: On the Subject-Matter of Political Theology (2015).