Social distancing von Luca Paltrinieri

Der folgende Text von Luca Paltrinieri (Université de Rennes) erschien am 27.3.2020 in [sens public] - Revue internationale et espace commun d’action et d’écriture.

Der erste Imperativ, der im Zuge der explosionsartigen Ausbreitung des Corona-Virus an die Bevölkerung ausgegeben wurde, war die Berechnung des Mindestabstands von einander. Sicherlich, diese Vorsichtsmaßnahme sollte dazu dienen, das Virus eindämmen; aber was sagt sie uns über die Regierungskunst der Moderne? Dieser Artikel stellt die These auf, dass die Berechnung des Mindestabstands [„bonne distance“] zwischen Menschen untereinander sowie zwischen Menschen und Nichtmenschen einer der grundlegendsten politischen Akte war und ist. Von Hobbes bis zu den Neoliberalen sollte die Kalkulation dieser Distanz das ordnungsgemäße Funktionieren der Trias aus Wachstum, Zirkulation und patriarchaler Ordnung gewährleisten, also nicht weniger als das Gesetz des Kapitals selbst. Es erscheint angebracht, sich der Frage der Distanz anzunehmen, um über die Zeit nach Corona nachzudenken – und ohne Nostalgie die Welt des Kapitals hinter sich zu lassen.

I. Nach zahlreichen Aufforderungen zur Klarstellung, nach Beleidigungen, Drohungen und anderen Provokationen präzisiert dieser Text einige Thesen des Beitrags „Répétition générale d’une apocalypse différenciée“ [Generalprobe einer differenzierten Apokalypse], der zunächst im italienischen Blog Antinomie.it und dann auf der Plateforme d’Enquêtes Militantes auf Französisch veröffentlicht wurde: http://www.platenqmil.com/blog/2020/03/10/repetition-generale-dune-apocalypse-differenciee. Der Text wurde von Aude Py gelesen, diskutiert und zensiert.

II. Und dann verschwand Donatien. Es ist einfach so passiert, ganz plötzlich. Donatien war der Immobilienmakler, der mich seit mehr als einem Jahr regelmäßig angerufen hatte, um mich davon zu überzeugen, die Wohnung zu verkaufen. Ehrlich gesagt hatte ich erwartet, dass sich unsere Beziehung eines Tages erheblich verschlechtern würde. Ich versuchte ihm zu erklären, dass ich in dieser Frage nicht allein entscheiden konnte, dass die Entscheidung schwierig sei und der Markt instabil. Freundlich, höflich hatte ich diesen schmerzlichen Moment, der die endgültige Trennung sowohl von einer Liebesbeziehung als auch von einem gemeinsam errichteten Haus bedeutete, aufgeschoben. Es war schwierig, Donatien all das zu erklären, denn er gehörte zu denjenigen, für die die Worte „Wohnen“ und „Immobilien“ gleichbedeutend sind. Donatien, den ich noch nie gesehen hatte, den ich mir als Mann in den Dreißigern in Anzug und Krawatte und mit einem dynamischen Lächeln vorstelle, lebt bestimmt in einer schönen Zweizimmerwohnung im 11. Arrondissement: Großzügig geschnitten, hohe Decken, viel Charme, „ausgezeichnete Investition“. Wir besprachen ausführlich die Möglichkeiten des Pariser Immobilienmarkts. Ich erzählte ihm von meinen Zweifeln an dessen Stabilität, vor allem als das Virus in China und dann in Italien auftauchte: Er beruhigte mich jedes Mal mit Verweis auf die konstante Nachfrage und das unaufhaltbare Wachstum des Quadratmeterpreises („Paris ist Paris! Jeder träumt davon, in Paris zu leben, der Markt glaubt immer noch an Paris“). Als sich die Eindämmungsmaßnahmen am Horizont abzeichneten, beruhigte er mich weiter: „Vielleicht wird sich der Markt eine Zeit lang verlangsamen, aber danach wird er wieder anziehen!“ Auch bei unserem letzten Telefonat zeigte seine Stimme keinerlei Unsicherheit, ich würde sogar sagen, sie war so bestimmt wie die einer Person, die sich keinen Zweifel leisten kann. Es kam mir vor, als würde diese schöne, tiefe, optimistische Stimme aus einer anderen Welt zu mir sprechen. Diese Stimme hatte sich von unserer Realität abgelöst, sie sprach zu mir aus einer vergangenen Zeit, aus unendlicher Entfernung, aus einer Welt, deren Konturen verblassten und vor meinen staunenden Augen verschwanden. Und dann war es Donatien selbst, der verschwand.

 
Ökonomie. Zurück zu Donatiens Phantasiewelt

III. In welcher Welt hat Donatien gelebt? Jetzt, wo wir nicht mehr dort sind, sondern hier, in der Ruhe der Isolation, versuchen wir, sie aus der Entfernung zu betrachten, mit dem aristotelischen thaumazein [Staunen], oder noch besser: mit der Verwunderung eines Besuchers vom Mars. Es handelte sich um eine Welt, die an Wachstum glaubte, aber nicht einfach nur so. Wir glaubten daran in einer fast absoluten Weise, wir glaubten daran, wie es der Ökonom tut. In diesem Zusammenhang erinnern wir uns an das berühmte Sprichwort von Boulding: „Wer glaubt, exponentielles Wachstum könne endlos weitergehen, ist entweder ein Verrückter oder ein Ökonom.“

IV. Wachstum von was? Wachstum der Bedürfnisse, Wachstum der Güter, Wachstum der Bevölkerung, Wachstum des Begehrens, Wachstum des Genusses. Das Wort, das all dieses Arten des Wachstums einschließt und zusammenfasst, ist nichts anderes als Kapital: Kapital ist die Kunst, aus weniger mehr zu machen, Kapital ist das, was fortlaufend investiert werden muss, d.h. primär und absichtlich für seine eigene Expansion eingesetzt wird, Kapital ist der Name all dessen, was wesensgemäß exponentiell wachsen muss. Ich möchte am Rande darauf hinweisen, dass man dem Mythos des Wachstums skeptisch und sogar kritisch gegenüberstehen kann, aber Tatsache bleibt, dass unsere Zukunft und unsere Renten in den Ländern Europas oder Nordamerikas von einer Wachstumsrate von etwa 2 oder zumindest 3 % abhängen. Wachstum ist nicht nur eine schädliche Ideologie der Ökonomen, sondern eine Kosmologie, die unsere Art und Weise, uns die Zukunft vorzustellen, prägt: Wir haben ein ganzes Netz von Analogien zwischen dem Wachstum von Lebewesen (was könnte „natürlicher“ sein?) und dem wirtschaftlichen und demographischen Wachstum gewebt – schon allein um uns eine Zukunft vorzustellen.

V. Nun ist dieses Wachstum sehr plötzlich zum Stillstand gekommen. In der Welt in Zeitlupe, in der wir seit einigen Tagen leben, ist das einzige exponentielle Wachstum die Zunahme der Zahl an Infizierten und Toten. Und wir wissen, dass dieses Wachstum auf jeden Fall nicht unendlich sein wird: Es wird durch die fortschreitende Immunisierung der Bevölkerung oder durch ihr Aussterben gestoppt werden. Wäre dies nicht denkbar, sollte das Virus mutieren? Und warum sollte es nicht bald ein neues Virus, eine weitere Pandemie geben? Wir wissen, dass auftauender Permafrost Viren und Bakterien freisetzen kann, die seit Hunderttausenden von Jahren eingeschlossen sind. Die globale Erwärmung führt zugleich dazu, dass nicht nur Menschen, sondern auch Bakterien und Viren von den Tropen zu den Polen wandern. Malaria ist kürzlich in Süditalien aufgetreten, und die Weltbank schätzt, dass im Jahr 2050 5,2 Milliarden Menschen von Malaria bedroht sein werden.

VI. Dies bringt uns zu der anderen Größe, die wir erwähnen müssen, um die Welt Donatiens zu verstehen: die unendliche Zirkulation, und zwar von Menschen, Waren, Tieren und Bakterien. Natürlich werden einige erklären, dass die Zirkulation ebenso wie das Wachstum im Grunde eine metaphysische und vor allem meta-anthropologische Figur ist, die im weitesten Sinne alles Lebende definiert: Gaia selbst ist gewissermaßen nichts anderes als das permanente Driften [dérive] und die Migration aller Lebewesen (Coccia 2020). Sehen wir uns die großen Wanderungen und den Handel der Phönizier, der Römer und aller großen Reiche an, ist kaum zu leugnen, dass die flüchtige Figur, die wir den Menschen nennen, im Grunde ein Wanderer oder ein bewegliches Raubtier ist. Doch erst in der Moderne und in einer Wirtschaft, die sich von den Kreisläufen lokaler Produktion „abkoppelt“, erhält die Zirkulation ihre spezifischere Bedeutung als Grundlage von Wert.

VII. In dieser Hinsicht ist der wichtigste Stichwortgeber nicht Adam Smith, sondern Richard Cantillon. Cantillon war ein französisch-englischer Kaufmann, Autor einer der im 18. Jahrhundert meistgelesenen Abhandlungen über die politische Ökonomie und der erste, der eine Definition dessen aufstellte, was Ökonomen nach Marx als “kapitalistisch” bezeichnen sollten (Cantillon 1755). Nach Cantillon ist der Unternehmer der Wirtschaftsakteur, der Waren an einem bestimmten Ort zu einem bekannten Preis kauft, um sie dann an einem anderen Ort zu einem unbekannten Preis weiterzuverkaufen. Er erzielt seinen Gewinn durch eine Bewegung von Gütern, die den Ort der Produktion und den Ort des Konsums miteinander verbindet – so, dass er dadurch den Markt aufbaut. Diese ökonomische Institution, die oft als die Wurzel allen Übels und als allmächtiger Akteur selbst dargestellt wird, existiert in Wirklichkeit nur mit dem Ziel, wie Braudel (1985) es so treffend formuliert, „die gesamte Produktion mit dem gesamten Konsum zu verbinden“, indem er, der Markt, die Güter auf immer globaleren Kreisläufen in Bewegung setzt. Cantillon hat meiner Meinung nach drei Dinge richtig erkannt, die für uns heute noch wichtig sind.

VIII. Die erste Erkenntnis ist, dass die Bedingung der Möglichkeit des Wertes, noch vor der Arbeit, die Zirkulation ist: Der Tauschwert existiert nicht, um ein Bedürfnis zu befriedigen, sondern um ein Bedürfnis zu befriedigen, das nicht durch Eigenproduktion und Eigenverbrauch gedeckt werden kann. Deshalb argumentiert Cantillon, dass der gesamte Wirtschaftskreislauf auf dem Risiko basiert, das der Händler bzw. Unternehmer eingeht, wenn er Waren von einem Ort, an dem sie produziert werden, an einen Ort bringt, von dem er nicht weiß, ob er sie dort verkaufen wird. Dieses Risiko muss vergütet werden.

IX. Zweitens muss der Unternehmer, als Empfänger eines unsicheren Lohns, der von einem Wirtschaften „aufs Geratewohl“ [„travaille au hasard“] abhängt, mehr verdienen, als er für sich und seine Familie zum Leben braucht, damit er im Falle eines Scheiterns abgesichert ist. Dieses „Mehr“ bedeutet, dass wir bereits weiter sind als in einer Ökonomie der Selbstversorgung und des Selbstverbrauchs, in der es im Grunde genommen ausreichte, die Produktionskosten zu vergüten: Im Gegenteil, man muss für Zirkulation sorgen, man muss Risiken eingehen, und man muss kapitalisieren, um die Risiken zu decken. Das Kapital wächst nicht von selbst durch irgendeine Art von Magie, es braucht Menschen und Waren im Umlauf.

X. Drittens, schließlich, ist Zirkulation nicht für Frauen gedacht. Die Art und Weise, wie Cantillon (und nach ihm alle Ökonomen) Lohn berechnet, schließt den Preis für den Lebensunterhalt der Familie in die Geldsumme ein, die auf der Basis sicherer oder unsicherer Arbeit verdient wird. Entsprechend bleibt die Frau zu Hause; sie wird durch den Lohn des Mannes bezahlt und bleibt einer Hauswirtschaft verschrieben, die eine Ökonomie der Subsistenz, des Selbstverbrauchs und der Stabilität ist. Cantillon „erfindet“ so die Welt der Reproduktion, oder besser gesagt, er erfindet die Spaltung von Produktion und Reproduktion, wobei die Reproduktion den Bereich all dessen repräsentiert, was sich nicht bewegt und nicht durch die schmale Tür des Marktes und des Tauschwerts passt – kurz gesagt all dessen, was sich nicht in Wert übersetzen lässt.

XI. Der Verlauf der Geschichte des kapitalistischen „Fortschritts“ liegt für mich allein in der Entwicklung und Verbindung dieser drei Elemente: der Zirkulation, der Risikoerhöhung [risque cumulateur] und des Patriarchats. Zunächst wird der Wert in der Zirkulation geschöpft, weshalb der Großteil der Produktion aus der Sphäre des Eigenverbrauchs herausgelöst und in einen immer größeren und vernetzten Markt eingebracht werden muss. Deshalb wurden die vielen Verpackungsarten erfunden, die den Transport von Waren ermöglichen: von der Kunststoffverpackung bis zum Container. Letzterer ist wohl die einflussreichste Erfindung des 20. Jahrhunderts, da er mittels der Senkung der Frachtkosten ermöglichte, dass die Wertschöpfungskette im wahrsten Sinne des Wortes global wurde. Ein wachsender Anteil des weltweiten Energieaufkommens wurde in der Folge für den Transport auf der Straße, zur See und in der Luft aufgewendet. Rohstoffförderung, Erfindung, Produktion und Verkauf sind globale Phänomene, die immer mehr und immer schneller entfernte Regionen der Erde mit einem einzigen Ziel verbinden: das Wachstum zu beschleunigen. Deshalb muss das Risiko vergütet werden, das mit der Bewegung von Menschen, Waren und Kapital durch Kapitalisierung, also unendliches Wachstum, eingegangen wird. Aus demselben Grund müssen wir Produktion und Reproduktion durch eine Reihe von Gegensätzen unterscheiden: Mann und Frau, Außen und Innen, Markt und Haus, Bewegung und Unbeweglichkeit, Vernunft und Leidenschaft.

XII. Es ist dieses Bild, das uns, wie Wittgenstein sagen würde, in der Welt Donatiens gefangen hielt: die unerbittliche Komplementarität von Zirkulation, Wachstum und Patriarchat. Drei Figuren, die fast zufällig zusammengebracht wurden, weil sie nichts verband, außer dass sie Elemente der Beherrschung von Welt und Natur durch den omnipotenten Menschen repräsentieren. Es wäre ein Irrtum zu denken, dass die Natur durch und mittels der Pandemie wieder zu ihrem Recht kommt. In Wirklichkeit ist die Pandemie selbst ein altes menschliches Produkt. In einem herausragenden Essay hat Kyle Harper (2019) gezeigt, dass eine entscheidende und unerwartete Folge der ehrgeizigen sozialen Entwicklung Roms darin bestand, eine tödliche mikrobielle Umwelt zu fördern, die den Zusammenbruch des Reichs beschleunigte. Menschliche Gesellschaften dringen zur Befriedung ihrer Wachstumsbedürfnisse permanent in die Wildnis ein. Durch den ständigen Bau von Verbindungen und Wegen, die auch von Mikroben genutzt werden, schaffen sie Ökologien, in denen tödliche Keime und Viren leben, sich bewegen, wandern, sich vermehren und sich ebenfalls Wachstum verschaffen. Die Geschichte der Menschheit ist von Pandemien geprägt, die weit mehr Tote verursacht haben als Kriege: die „Antoninische Pest“ (Pocken), die 165 n. Chr. ausbrach und der mindestens 7 Millionen Menschen im Mittelmeerraum, in dem knapp 75 Millionen Menschen lebten, zum Opfer fielen; der Schwarze Tod im Jahr 1348, der wahrscheinlich 40% der europäischen Bevölkerung tötete; die bakteriologische Kriegsführung mit Masern, Grippe und Typhus, die die Spanier gegen die indigene Bevölkerung der Amerikas einsetzten und an der 90% der Azteken starben; die Spanische Grippe am Ende des Ersten Weltkriegs, die zwischen 50 und 100 Millionen Menschen tötete, mehr als in den beiden Weltkriegen zusammen. Trotz unseres fortdauernden Anspruchs auf Herrschaft über die Natur und ihre Krankheitserreger hat sich die Situation heute kaum verbessert. Das zeigt die erschreckende Liste von Infektionskrankheiten (HIV, Ebola, SARS, MERS, Covid-19), die genau in dem Moment aus der Wildnis ausbrechen, an dem die Menschheit den Höhepunkt des Kreislaufs von Wachstum, Kreislauf und Patriarchat zu erreichen scheint.

XIII. Wenn wir jetzt aufgefordert werden, nicht mehr zur Arbeit zu gehen (Wachstum), nicht mehr auszugehen (Zirkulation) und „zu Hause“ zu bleiben (Verprügeln von Frauen), geht es natürlich nicht um die „Rettung des Lebens“ als solche (das „nackte“ Leben war glücklicherweise nie ein absoluter Wert). Wir sollen uns auf keinen Fall als Vehikel des Virus, als Gefahr für andere, aber vor allem als Gefahr für diese Welt bewegen. Die einzige Bewegung, die jetzt noch erlaubt ist, ist vor Angst zu beben. Am Ende der Welt, wie wir sie kennen, finden wir das gleiche Bild, das den Beginn der modernen Politik markiert, das Bild eines armen Teufels, der mit den Füßen in der Scheiße steckt und im Angesicht seiner Mitmenschen zittert, weil sie kommen, um ihm das Kostbarste zu nehmen: sein eigenes Leben. Die Covid-19-Pandemie stellt nicht das Ende des Kapitalismus dar… oder, besser gesagt, noch bevor sich das Ende des Kapitalismus ankündigt, bringt uns diese Pandemie zurück zum Nullpunkt [degré zéro] der modernen Politik.

 
Politik (Staat). Was bleibt von Donatiens Welt übrig?

XIV. Was ist in einer Welt, die sich dem Wachstum und der Zirkulation verschrieben hat, das eigentliche Problem, wenn nicht das Andere (jenes Andere, dessen naheliegendste metaphorische Verkörperung selbstverständlich immer die Frau war)? Das Problem ist, dass auch die Anderen, ob Mensch, Tier, Mikrobe oder Virus, zirkulieren und glauben. Und soweit er/sie zirkuliert und glaubt, kotzt er/sie mich an. Hobbes fängt genau dort an: Jeder Mensch ist im Grunde genommen ein Quälgeist und mehr noch als ein Quälgeist eine Gefahr, weil sein unendliches Verlangen keine Grenzen kennt. Wie kann ich das wissen? Sein Wunsch ist mein Wunsch: Der Wunsch, zu wachsen und zu zirkulieren, ist wie ein Virus, das sich unter den Menschen ausbreitet und sie stolz, egoistisch und aufsässig macht. Menschen gegen diesen Wunsch zu immunisieren bedeutet, ihn in Interesse umzuwandeln, jene Form der Beziehung zwischen Menschen, die es ihnen erlaubt, den richtigen Abstand [juste distance] voneinander zu halten, um sich nicht gegenseitig umzubringen. Politik ist im Grunde eine Frage der Distanz, der Art und Weise, wie die richtige soziale Distanz geschaffen und gehalten werden kann (social distancing). Wir haben es dem boshaften Genie von Leo Strauss (1986) zu verdanken, dass er gezeigt hat, dass es, mit Hobbes, in der Politik nicht mehr darum geht, wie man mit anderen besser leben kann, sondern wie man trotz anderer leben kann. Wie können wir sicherstellen, dass die einen nicht in das Gebiet der anderen eingreifen? Wie stellen wir sicher, dass jeder den buchstäblichen richtigen sozialen Abstand [bonne distance sociale] einhält, den Abstand, der es ihm erlaubt, das oberste aller Güter, sein eigenes Leben, zu retten?

XV. Hobbes’ Antwort war auf die drastische Situation der konfessionellen Kriege im England des 17. Jahrhunderts gemünzt, die er erlebte. Diese Antwort lautete: Man müsse nichts Geringeres als eine neue Person erfinden. Ein neues Wesen, ein riesiger automatischer Kerl, der als Person, d.h. als Delegierter und Vertreter Aller agiert. Dass dieser Leviathan die Macht eines „Wir“ in sich verdichtet, zeigt das Frontispiz von Hobbes’ Hauptwerk, auf dem alle Menschen wie Sardinen in einer Dose zusammengepresst sind. Im Staat und für den Staat vereint, gibt es keinen Abstand unter den Menschen, der es erlauben würde, zu wachsen oder zu zirkulieren. Dennoch existiert dieser Leviathan gerade deshalb: um im Namen des Lebens aller dafür zu sorgen, dass die Menschen als Vertreter ihrer Interessen den richtigen Abstand zueinander halten, damit jeder eigene Interessen wahrnehmen kann. Wenn wir über das berühmte vierzehnte Kapitel des Leviathans hinausgehen, können wir den Grund für die Existenz des Staates klar erkennen: Er garantiert, dass Männer (und nicht Frauen) weiterarbeiten, ihren Besitz kultivieren und Handel treiben können. Mit anderen Worten existiert dieser Leviathan, um den Menschen vor seinem eigenen unendlichen Verlangen zu schützen und so Güter, Menschen und Truppen weiterhin der Zirkulation und dem Wachstum zuzuführen (aus diesem Grund muss für Hobbes, und nach ihm, insbesondere ab Locke, zunächst das Privateigentum etabliert werden).

XVI. Es ist die verheerendste aller Illusionen, zu denken, dass der Leviathanstaat seit seiner Hobbes’schen Gründung ein Feind des Marktes oder eine Alternative zum Markt gewesen wäre: Er ist von Anfang an im Wesentlichen „neoliberal“, in dem Sinne, dass er (auch) im Dienst des Marktes existiert und an ihm orientiert ist. Der moderne Staat ist ein Regulator der unendlichen Zirkulation, und der gegenwärtige, neoliberal verschlankte Staat hat immer noch dieselbe Bestimmung und verteidigt nicht erst seit gestern die Interessen der herrschenden Klasse auf Kosten der Gesundheit der Bevölkerung. Vielmehr ist seit dem Beginn der Moderne das Gegenteil der Fall: Die Gesundheit der Bevölkerung ist zu einem Thema der modernen Politik geworden, insofern auf dieser Gesundheit der reibungsfreie Kreislauf von Arbeit (Produktion/Reproduktion), Wachstum und Zirkulation beruht. In diesem Sinne sind Staaten zu Verwaltern geworden, nicht alleine von Wünschen und Leidenschaften, Ideen und Gehorsam, sondern auch von menschlicher Biomasse. Diese Biomasse wurde zum Wachsen und zur Zirkulieren gebracht, indem der Staat die Trennung zwischen denjenigen, die zum Leben bestimmt waren, und denjenigen, die dem Tod überlassen werden konnten, ständig erneuerte, indem er sie in eine bestimmte Beziehung zur viel schwereren Biomasse der Regenwürmer setzte, die den Boden kultivierten, indem er sie schützte oder eben der Zirkulation von Viren, Krankheiten und Pollen aussetzte, die diese Biomasse schwächten oder stärkten.

XVII. Der politische Liberalismus, der vom Bruch mit dem Hobbes’schen Absolutismus und ganz allgemein mit dem politischen Autoritarismus träumte, der den Mythos einer friedlichen Marktgesellschaft erfand, die das kalte Staatmonster des Staates ablösen sollte und an dessen Stelle die Geschichte einer staatlichen Agenda/Nicht-Agenda-Politik setzte, reagierte letztlich auf denselben Imperativ: Auch er wollte den richtigen Abstand zwischen den Individuen gewährleisten, der Zirkulation und Wachstum ermöglicht, und die Spaltung von Produktion und Reproduktion aktualisieren, um die Sphäre des Tauschwerts kontinuierlich auszuweiten. Das bedeutet, je nach Kontext, hier ein bisschen mehr und dort ein bisschen weniger Leviathan, auf keinen Fall aber hat es mit einer anderen „Freiheit“ als jener der Zirkulation von Waren zu tun. Dem entspricht, dass Frauen immer von dem ursprünglichen Vertrag [contrat originaire] ausgeschlossen sind, der diese neue handelnde Person, den Staat, schafft. Unter Hausarrest existieren Frauen politisch nur für einen anderen Vertrag, den Sexualvertrag, der sie auf eine sekundäre und abgeleitete Weise an den Männerbund bindet – nie als echte politische Subjekte (Pateman 2010).

XVIII. Es hat einige Zeit – und auch hier: Abstand – gebraucht, bis deutlich wurde, was für einen Coup, ja Putsch [Coup d’État] innerhalb der politischen Theorie der Neoliberalismus dargestellt hat. Das war möglich, weil die Neoliberalen schon immer gut getarnt vorgerückt sind. Für einige sind sie lediglich die Fortsetzung des Liberalismus mit anderen Mitteln (Bourdieu). Für andere stehen die Neoliberalen für die Idee einer überwältigenden Vormachtstellung des Wettbewerbs über den Sozialstaat, bis hin zu ihrer Behauptung, dass der Staat nicht nur existiere, um das Funktionieren des Marktes zu gewährleisten, sondern dass er selbst im Namen der Prinzipien des Marktes revidiert und umgebaut werden müsse (Foucault). Für noch andere wiederum ist der Neoliberalismus das Ende aller „Werte“ (Liebe, Leben, Arbeit usw.), die im eisigen Wasser des individuellen Interesses ertrinken (Marx kehrt zurück?). Nur wenige haben dabei gesehen, dass das neoliberale Projekt, das seit den 1930er Jahren theoretisch und seit den 1980er Jahren praktisch ausgearbeitet wurde, sowohl Hobbes als auch den „klassischen“ Liberalismus in Frage stellt (Carolis 2017): Was Neoliberale wie Hayek oder von Mises Hobbes in der Tat entgegensetzen, ist die Unfähigkeit des Staates, die „kosmische Ordnung“ (der Begriff ist wirklich von Hayek) zu verstehen, in der freiwillige Handlungen und unfreiwillige Effekte zu beobachten sind. Nur die Ökonomie – die erfolgreichste unter den Sozialwissenschaften – kann auf eine vorläufige Weise die Entwicklung einer buchstäblich unregierbaren und vor allem unverständlichen Ordnung vorhersagen, in der der Markt fast mehr ein Symptom und ein Effekt ist als ihr Grund. Aber was die Neoliberalen den „klassischen“ Liberalen vorwerfen, ist nicht weniger schwerwiegend: Sie hätten an die „Gesellschaft“ geglaubt, an eine Art warmes und wohlwollendes Ganzes, in der sich die Menschen unabhängig vom kalten Staatsmonster organisieren, unterstützt von der göttlichen „unsichtbaren Hand“ des Marktes. „Die Gesellschaft existiert nicht“, zieht sich als Mantra durch das Werk von Hayek, was so viel bedeutet wie: Nur einzelne Handlungen sind verständlich, aber da die Folgen ihres Zusammenwirkens nicht vorhersehbar sind, ist es unmöglich, so etwas wie eine „Gesellschaft“ rational zu „regieren“. Aber wenn man nicht die Gesellschaft regiert, was regiert man dann? Hayeks Antwort entspricht seinem sprichwörtlichen Größenwahn: den Kosmos.

XIX. Anders gesagt, was dem Neoliberalismus dann noch zu tun bleibt, ist die Bestimmung so vieler Parameter wie möglich, die es erlauben, „aus der Ferne zu regieren“ (Governing at a distance, Rose und Miller 2010): die Entscheidungszentren so weit wie möglich vom „Wahlvolk“ oder zumindest von der „Gesellschaft“ zu entfernen, die Entscheidungshoheit auf die technische Governance, vorzugsweise durch Ökonomen, zu übertragen (Stiegler 2019) und die Sphäre einer governance without government auf den gesamten Globus auszudehnen (Slobodian 2018). Das Ziel dieser in 40 Jahren neoliberaler Herrschaft durchgeführten Operationen steht im Einklang mit der Hayek’schen Ablehnung von Staat und Gesellschaft: keine künstliche, dirigistische Schaffung der „richtigen Distanz“ zwischen den Menschen, kein Vertrauen in ihre Fähigkeit, sie selbst zu finden. Das neoliberale Individuum ist lediglich ein rationaler Rechner [calculateur rationnel], der in einem Meer von Unwissenheit verloren geht. Was der Herrschende ihm dann gibt, vor allem dank einer immer effizienteren Politik und eines immer effizienteren Wissens von big data, deren Ziel es ist, alle Spuren der politischen Entscheidung verschwinden zu lassen, sind „Anstöße“ – nudges –, die es ihm erlauben, sich in einer „komplexen“ Welt zu orientieren (wie Morin-Macron-Tirole sagt, ich kann die drei nicht mehr unterscheiden… ). Es sind die Daten aus den globalen Märkten, die in nudges übersetzt werden und es dem Einzelnen ermöglichen, sich in die richtige Distanz zu bringen und so auch den Konflikten aus dem Weg zu gehen, die unweigerlich sowohl aus der Bevölkerungszunahme als auch aus der immer stärkeren Verflechtung aller Erdteile entstehen. Der neoliberale Staatsstreich in der politischen Theorie diente also dazu, die Dauerhaftigkeit eines Glaubenssatzes zu sichern: den der Unfehlbarkeit des Kreislaufs Wachstum-Zirkulation-Patriarchat. Letztlich könnte die Bilanz von 40 Jahren neoliberaler Herrschaft lauten: eine außerordentliche Beschleunigung der Zirkulation und der Vernetzung; eine skrupellose Durchsetzung der Wachstumspolitik um jeden Preis; und die Rückkehr des aller archaischsten Reflexes des Patriarchats – sich der Beherrschung der Natur zu vergewissern –, was auch für den Begriff des Anthropozäns gilt, der den Vorteil hat, gleichzeitig die Spur menschlicher Eingriffe auf geologischer, atmosphärischer und anderen Ebenen zu denken, und den Nachteil, dabei erneut den anthropos in den Mittelpunkt zu stellen.

XX. Es geht hier nicht darum, die Art und Weise zu untersuchen, wie sich dieser Fortschrittsgedanke als säkularisierte Version göttlicher Vorsehung etabliert hat; es genügt festzustellen, dass in einem pragmatischem Sinne das materielle Wachstum nichts weniger als die Voraussetzung dafür ist, den notwendigen Widerspruch zwischen Grundrente, Lohn und Kapital – dieses Spiel ist auf Null zurückgestellt – konfliktfrei zu denken. Aber es war unvermeidlich, dass der Wachstumsmythos irgendwann an die „planetarischen Grenzen“ stoßen würde, so die Prophezeiung Bouldings. Dass die neoliberale Revolution der 1980er Jahre eine „anpassungsfähige“ Antwort [réponse „adaptative“] auf den ökologischen Aufruhr der 1970er Jahre war, ist eine nicht zu vernachlässigende Fährte, der einige, meiner Meinung nach zu Recht, nachgegangen sind (Felli 2016). Die Antwort auf die verzweifelte Forderung nach politischer Entscheidung angesichts der noch vermeidbaren Katastrophe, die sowohl im Bericht des Club of Rome als auch in den Beratungen der Bukarester Weltbevölkerungskonferenz 1974 sichtbar wurde, bestand darin, den Autopilot der governance auf ein einziges, doppeltes Ziel zu setzen: Wachstum + Zirkulation. Eine Antwort, die auch in Donatiens naivem Glauben widerhallt, dass „der Markt immer wächst, weil alle nach Paris kommen wollen“.

XXI. Dass sich die x-te ökologische Krise, die x-te Pandemiekrise in erster Linie als Krise der politischen Entscheidungsfindung (Rettung des Gesundheitssystems oder Rettung des Wachstums?) manifestiert, ist bezeichnend für den Kurzschluss, den dieses Virus zwischen Zirkulation und Wachstum geschaffen hat. Da SARS-CoV-2, wie wir gesehen haben, die gleichen Kreisläufe nutzt, die das Funktionieren der Wachstumswirtschaft gewährleisten, müssen wir, um das Virus zu stoppen, die Zirkulation unterbinden, was jedoch eine Bedrohung des Wachstums bedeutet (China, Italien, Frankreich). Wenn wir andererseits „den Markt seine Arbeit machen lassen“, wie es die liberale Doktrin vorschreibt, gefährden wir das Gesundheitssystem des Wohlfahrtsstaates, das nie dazu da war, von Rechts wegen das Leben des Individuums oder das nackte Leben eines Lebewesens zu garantieren, sondern das Leben der Produzenten /Konsumenten (Großbritannien, Holland, Brasilien). Man darf nämlich nicht vergessen, dass einerseits die älteren Menschen in demographisch „alten“ Ländern wie Italien, Frankreich, Deutschland oder den Vereinigten Staaten immer noch einen (sehr profitablen) Markt darstellen, und dass andererseits die Überlastung der Krankenhäuser zu einer mangelnden Versorgung der jüngeren ArbeitnehmerVerbraucher führen kann. Das Grundproblem ist also nicht das Recht der Einzelnen auf Gesundheit, sondern die Belastung des gesamten Systems, das sowohl ökonomisch als auch demographisch keinen Wachstumsausfall dulden kann (man erinnere sich, dass Macron vor nicht allzu langer Zeit die Franzosen drängte, mehr Kinder zu bekommen, während die demographischen Prognosen auf globaler Ebene einen längst katastrophalen Bevölkerungsüberschuss zeigen). Tatsächlich droht selbst ein relativ gewöhnliches Virus, das keine sichtbaren Spuren in der globalen Demografie hinterlassen wird, die heikle Beziehung zwischen Wachstum und Zirkulation von einer guten in einer bösartigen zu verwandeln. Dieses Virus versetzt uns in einen Tunnel, an dessen Ende noch immer der schlimmste Alptraum unserer Gesellschaft steht: der Niedergang, der Verfall, das Ersticken der Wirtschaft. Da die sozialen Sicherungssysteme durch 40 Jahre der „Verschlankung“ geschwächt wurden, besteht das Risiko, dass sich die Verlangsamung des Wachstums in sozialem Leid äußert und sogar in einer höheren Sterblichkeit enden, als sie das Coronavirus selbst verursacht. Wo man bis dahin glaubte, die Entscheidung, wer leben solle und wer sterben könne, endlich himmlischer (Verzeihung, „kosmischer“) Gnade überlassen zu haben, müssen nun Entscheidungen getroffen werden.

XXII. In der Tat zeigt die rasche Ausbreitung des Virus und sein Bedrohungspotenzial deutlich, dass angesichts eines erschöpften Gesundheitssystems eine Entscheidung über die Bedingungen von Schutz und Versorgung getroffen werden muss. Wer wird die richtige Entscheidung treffen? Sind es die Ärzte, die jetzt in der Praxis die Biomacht ausüben, d.h. gute und schlechte Patienten nach so zufälligen Merkmalen wie Alter oder Gesundheitszustand sortieren müssen? Oder sind es die Politiker, die die Kontrolle über das Flugzeug, das sie mit dem Autopiloten (Zielort: Wachstum / Zirkulation) verlassen wollten, wieder übernehmen müssen (wenn Macron von der „Rückkehr des Wohlfahrtstaates“ spricht, heißt das „Scheiße! Wir müssen jetzt entscheiden“)? Aber noch bemerkenswerter ist, dass wir, während wir darauf warteten, irgendeine Verantwortung zu übernehmen, in der betäubenden Leere der Entscheidung den Gründungsimperativ der modernen Politik in epidemio-politischer Hinsicht neu formulieren mussten: Haltet den Mindestabstand ein!

 
Fazit: Die richtige Distanz finden

XXIII. Mir scheint, dass die wichtigste politische Errungenschaft im Ausgang dieser Pandemie eine Wiederaneignung der Frage der Distanz sein könnte. Das ist auf drei verschiedenen, aber miteinander verwandten Bedeutungsebenen zu verstehen: Erstens geht es um Distanz zu unserer Gegenwart, oder besser gesagt zu dem, was vor einigen Tagen noch unsere Gegenwart war; zweitens um Distanz in Bezug auf Andere; drittens um Entfernung – oder besser: Nähe – zum Tod.

XXIV. Die Distanz, die wir jetzt von uns unseren eigenen vier Wänden aus nehmen müssen, zwingt uns, diese pandemische Krise als eine Krise der neoliberalen Globalisierung oder als eine Krise der neoliberalen Lösung für das zentrale Dilemma der modernen Politik zu betrachten: wie die richtige soziale Distanz finden, die es erlaubt, dass sich Zirkulation und Wachstum gegenseitig befruchten? Es scheint nun, dass dies nicht die richtige Entfernung war, zumindest zu dem, was die Modernen „Natur“ genannt haben, jenem enormen Reservoir an belebten und unbelebten Wesen, das wir törichterweise so betrachten, als stehe es „zu unserer Verfügung“. Die maßlose Ausbeutung dieses Reservoirs in der Absicht, den unendlichen Bedarfskreislauf zu befriedigen, bringt uns mit wilden Arten in Kontakt, die neue Viren ausbrüten, genau in dem Moment, in dem die Wertschöpfung eine verstärkte wirtschaftliche Interdependenz auf globaler Ebene und die Schaffung regelrechter Viren-Autobahnen in Form von Flugverkehr, Logistik und Umweltverschmutzung verlangt. Doch der Mensch ist nicht der einzige „Raumfahrer“ in Gaïa: ein Virus, eine Fledermaus, ein Berg sind auch Geschöpfe und Nutzer von Räumen, mit denen der Mensch umgehen muss (Lussault 2009). Statt um die übermäßige Macht des Menschen über die „Natur“ zu trauern, eine Position, die genau symmetrisch zu der ist, die den Menschen als „Mängelwesen“ betrachtet, das jedes Recht hat, sich diese anzueignen und auszubeuten, sollten wir schon jetzt aufhören, von „Natur“ zu sprechen und uns als eine Spezies begreifen, deren Platz in dieser Welt begrenzt, widerruflich und vor allem vorübergehend ist und bleiben muss. Dass die Menschheit eines Tages verschwinden wird, kann nur eine gute Nachricht sein, besonders wenn man bedenkt, dass Kakerlaken wahrscheinlich weniger Mist machen.

XXV. Dies impliziert auch ein Überdenken des Konzepts der „sozialen Distanz“. In Frankreich und insbesondere in Paris hat die katastrophale Bewältigung der Pandemie von einem Tag auf den anderen von der Kontrolle von Menschenmengen zur „Nullrisiko“-Politik geführt, verstanden als individuelle Isolation. Aber diese Isolation kann auch gefährlich sein, was das psychische Gleichgewicht, das Gefühl der Unsicherheit und der Traurigkeit betrifft, und dies auch und vor allem für diejenigen, die dem Krankheitsrisiko am meisten ausgesetzt sind (ältere Menschen, Krankenhauspatienten, Menschen, die Vorerkrankungen haben). Die anarchistische Erfahrung (und Anarchisten können uns etwas über erlittene Repressionen lehren) zeigt, dass die beste Lösung darin besteht, solidarische Netzwerke zu schaffen, die auf einer bestimmten Beziehung zum Risiko und auf einem kollektiven Management des Risikos selbst gründen. Die Pandemie ist mit anderen Worten eine gewisse soziale Beziehung zur Distanz in Bezug auf andere, was bedeutet, nicht von dem auszugehen, was uns erlaubt ist, sondern von dem, was möglich ist, um diese Distanz völlig neu zu überdenken. Was bedeutet das? Weil Freiheit, verstanden als unendliches Wachstum und Zirkulation, nicht mehr möglich ist, sollten wir nicht mit Nostalgie auf das, was wir verlieren werden, schauen (Was verlieren wir eigentlich? Die Möglichkeit, sechs verschiedene Arten von Avocado zu kaufen, die zu einem ökologisch unverantwortlichen Preis vom anderen Ende der Welt kommen? Die Möglichkeit, in einem New Yorker Prêt à Manger Bio-Lebensmittel zu essen? Bleiben Sie mir gestohlen!), sondern mit Optimismus auf das, was wir gewinnen können: Gemeinschaften, die ihre Beziehung zu anderen Wesen (lebendigen oder nicht-lebendigen) völlig neu überdenken, sich aber auf jeden Fall davon emanzipieren, sich auf das unendliche Verlangen des Patriarchen zu konzentrieren (Solanas hatte Recht: Lasst uns damit beginnen, alle Männer zu entmannen, danach werden wir weitersehen).

XXVI. Das bedeutet auch und vor allem, dass wir eine andere Beziehung zum Tod gewinnen. Der Tod wird zweifellos die große Mätresse der kommenden Jahre sein. Die Pandemie, die wir erleben, ist wenig im Vergleich zu den Gefahren, die die ständig wachsende Weltbevölkerung im Zuge einer beispiellosen Umweltkatastrophe erwarten: globale Erwärmung, Verlust der Artenvielfalt, Verarmung der Böden, Anstieg des Meeresspiegels usw. Wenn die Moderne vor allem und besonders durch die Distanz und das Tabu gekennzeichnet ist, das sie zwischen das menschliche Lebewesen und den Tod gesetzt hat (Ariés 1975), so ist es jetzt mehr denn je an der Zeit, diese Distanz in Frage zu stellen und wieder sterben zu lernen (Scranton 2015). Dies sollte uns einen gewissen Trost geben: Das Sterben wird im Grunde nicht schlimm sein, denn alles, was wir um uns herum sehen, zeigt, dass wir im Vergleich zu einem Virus noch immer klein sind. An all diejenigen, die auf eine „Rückkehr zur Normalität“ warten, an all diejenigen, die darauf warten, mit dem Zittern aufzuhören: Wir sollten uns daran erinnern, dass der wahre Alptraum nicht der Tod ist. Der wahre Albtraum wäre ein Rückruf von Donatien.

Aus dem Französischen von Moritz Neuffer

 
Bibliographie

Ariés, Philippe. 1975. Essais sur l’histoire de la mort… Paris: Seuil.
Braudel, Fernand. 1985. La dynamique du capitalism. Paris: Arthaud.
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Carolis, Massimo De. 2017. Il rovescio della libertà. Tramonto del neoliberalismo e disagio della civiltà. Macerata: Quodlibet.
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Harper, Kyle. 2019. Comment l’empire romain s’est effondré : Le climat, les maladies et la chute de Rome. Traduit par Philippe Pignarre. La découverte.
Lussault, Michel. 2009. De la lutte des classes à la lutte des places. Paris: Grasset.
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Rose, Nikolas, et Peter Miller. 2010. „Political Power Beyond the State: Problematics of Government“. The British Journal of Sociology 61 (s1):271 303. https://doi.org/10.1111/j.1468-4446.2009.01247.x.
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Stiegler, Barbara. 2019. „Il faut s’adapter“: Sur un nouvel impératif politique. Paris: Gallimard.
Strauss, Leo. 1986. Droit Naturel et Histoire - Traduit de l’anglais Par Monique Nathan et Eric de Dampierre. Flammarion. Paris: Broché.

Eintrag vom 21. April 2020