Was mit uns passiert. Ein Gespräch mit Alain Brossat

Das folgende Gespräch zwischen Cédric Cagnat und Alain Brossat wurde am 19. und 24. März 2020 auf der Webseite von Ici et Ailleurs. Association pour une philosophie nomade veröffentlicht. Alain Brossat (Plebs Invicta, August Verlag 2012) hat den Text in Taipei verfasst, wo er zur Zeit lehrt.

 
Das Unerträgliche (L’irrespirable). Was mit uns passiert, Teil 1
(19. März 2020)


„Ich ging dann vollends in die Stadt, die ich recht schön und fest befand; und voll guter Luft. Aber der Pförtner vor dem Tor wollten meinen Paß sehen. Betroffen fragte ich: „Wie, meine Herren, hat’s irgend hier wegen der Pest Gefahr?“ – „Ach Gnädigster!“ versetzten sie, „unweit von hier, da sterben Euch die Leute auf den Gassen dutzendweis‘.“ – „Ei, heiliger Gott!“ sprach ich, „und wo denn?“ – Darauf sagten sie mir, es wär in Laringen und Pharingen, zwei großen und reichen Handelsstädten, wie Rouen und Nantes. Der erste Ursprung der Pest wär ein fauler und giftiger Brodem gewesen, unlängst vom Abgrund aufgestiegen, am dem über 2 060 016 Menschen seit acht Tagen verblichen seien. Da überschlug, erwog und erkannt‘ ich, daß dies ein stinkender Atme aus dem Magen des Pantagruel gewesen war, als er den vielen Knoblauch aß, wie ich oben erzählt habe.“

– François Rabelais, Pantagruel, Buch 2, Kapitel XXXII


 
Cédric Cagnat: Kann das Ereignis Coronavirus, wenn es ein Ereignis ist, einer Reflexion stattgeben, die die illusorischen Litaneien über das plötzliche Bewusstsein der Regierungen für die Notwendigkeit des Wohlfahrtsstaats oder gar den bevorstehenden Tod des kapitalistischen Modells hinter sich ließe? Anders ausgedrückt, aus welcher philosophischen Perspektive kann man die Gesundheitskrise, mit der wir konfrontiert sind, denken?

Alain Brossat: Ich glaube, es besteht kein Zweifel, dass wie in dieser Situation von einem Ereignis sprechen können – insofern ein Ereignis nicht etwas Denkwürdiges ist, das eine Inschrift, eine Spur in der Kalenderzeit hinterlassen würde, sondern vielmehr etwas, das uns dazu zwingt, uns die Frage zu stellen: was geschieht gerade, was ereignet sich? In anderen Worten, es gibt ein Ereignis, wenn eine Unregelmäßigkeit oder eine Ausnahme auftritt, die uns aus unseren normalen, mehr oder weniger schlafwandlerischen, mehr oder weniger weit von der Realität entfernten Umständen reißt. In diesem Sinne ist das Ereignis zugleich dasjenige, was uns verunsichert und uns so zwingt, die Frage einer Neuorientierung mit einer neuen Dringlichkeit zu stellen; und es ist dasjenige, das uns mehr oder weniger brutal auf die Realität zurückwirft. In diesem Sinne erschüttert das Ereignis, es produziert einen Schock und ist somit nichts, dem wir einfach nur als Zuschauer beiwohnen können. Es zieht uns hinein und verändert uns, es bedrängt unsere Subjektivitäten – selbst wenn dieses Übel auch ein Gutes sein könnte.

Das ist genau das, was uns mit der derzeitigen epidemischen Krise passiert, die sich in mehrfacher Weise als Naturkatastrophe darstellt, die über uns hereinbricht – selbst wenn sich bei genauerem Hinsehen zeigt, dass dieser Eindruck einer Naturkatastrophe ein falscher Schein ist. Man könnte sogar sagen, dass diese Krise nicht nur den Vorteil hat, uns brutal auf unsere Realität zurückzuwerfen (ein bestimmter Zustand der Globalisierung, verstanden als Epoche), sondern dass sie eine Bresche schlägt, die es uns erlaubt, dasjenige zu erahnen, was normalerweise außerhalb unseres Zugriffs liegt und die unzugängliche versteckte Wahrheit dieser Wirklichkeit ist – die Wirklichkeit unser Endlichkeit.

Das „Ereignis Coronavirus“ lässt uns aus dem Schlaf hochschrecken und zwingt uns, uns aus dem Schlamm (dem Kleister) der miteinander verbundenen Realitätsverweigerungen zu ziehen – ich möchte sie hier nicht aufzählen, wir können später darauf zurückkommen. Wir erwachen schweißgebadet inmitten eines von Macron nicht ganz zu unrecht so bezeichneten „Kriegszustands“ (warum ist ihm das nur nicht früher aufgefallen, dem Idioten…[1]), und wir müssen uns dazu verhalten, das heißt uns in dieser stürmischen Gegenwart (Benjamin, immer und immer wieder) neu orientieren, umsatteln, radikal umschwenken. Wie kann und muss dies aussehen? – darüber sollten wir diskutieren.

Zudem denke ich, dass man auf das Modell (das gimmick) der „Bewusstwerdung“ vollkommen verzichten sollte: Die Regierenden „werden sich über nichts bewusst“, sie reagieren notfallartig und ohne Strategie auf ein desaströses Ereignis, das über sie hereinbricht und sie völlig überrumpelt und zwar aus dem einfachen Grund, dass all ihr „Kalkül“ die Möglichkeit einer solchen Katastrophe immer in einen toten Winkel verschoben hat. Hierfür gibt es alte und tiefliegende Gründe. In Ermangelung einer detaillierten Genealogie dieses Versagens sei hier notwendigerweise summarisch und lückenhaft nur Folgendes gesagt: in einer marktwirtschaftlichen Demokratie ist die einzige Gesundheit, die in den Augen der Regierenden wirklich zählt, die Gesundheit der Märkte im Gegensetz zu derjenigen der Bevölkerung. Diese Neuausrichtung der Regierung der Lebenden auf das Verhalten der (ihre Sorge um die) Märkte ist ein grundlegender Einschnitt in der zeitgenössischen Politik, die mehr oder weniger der Zerschlagung des Sozialstaats entspricht. Die Verwahrlosung der regierten Körper, deren Anzeichen sich in den letzten Jahren in Frankreich mit der Vernachlässigung der Vorstädte, dem Sparregime der öffentlichen Krankenhäuser, den Haushaltskürzungen aller öffentlichen und sozialen Leistungen vervielfacht haben – all das ist nicht notwendigerweise Teil eines abgestimmten Projekts, um mit jedweder positiven Dimension der Regierung der Lebenden aufzuräumen, eines aktiven Vergessens der positiven Aspekte des „Leben-Machens“. Vielmehr haben wir es hier ganz trivial mit einer Konsequenz der Tyrannei der neo-liberalen Rationalitäten zu tun, deren Ziel es ist, die absolute Priorität der „Wirtschaft“ durchzusetzen und diesem Regime das gesamte Programm der Durchsetzung des Lebenden unterzuordnen, das im Herzen der Biomacht steht – der modernen Macht also, wenn man Foucault hier folgt.

Es ist eine Frage der Rationalitäten, darauf möchte ich insistieren. Das hat man klar gesehen, als sich die Prämissen der Epidemie in Europa angekündigt haben. Die erste Reaktion der Deppen, die uns regieren, war es keineswegs, die Bevölkerungen zu schützen und in Kenntnis zu setzen, obgleich sie doch über das Ausmaß der Epidemie zunächst in China und dann in anderen Teilen Asiens im Bilde waren – vielmehr war ihre erste Reaktion, die Märkte zu schützen. Die einfache, idiotische Idee war, dass man die Leute nicht alarmieren dürfte, da dies der Wirtschaft hätte schaden können, dass man die Warenzirkulation nicht stören und den Handel nicht behindern dürfte – und um dies zu tun, musste systematisch unter den Augen der Öffentlichkeit der Ernst der Gefahren, die sich ankündigten, herunter gespielt werden… In diesem Fall hat sich das kurzsichtige Kalkül der Regierenden mit der schlafwandlerischen Sorglosigkeit jener Leute verbunden, die überzeugt waren, dass eine solche Plage nur „die Anderen“ träfe, von Wuhan bis Kinshasa. Das gilt besonders für unsere planetarische Mittelklasse, die alles (vom djihadistischen Anschlag auf das Bataclan bis zu COVID 19) aus dem Blickwinkel der Caféterrasse sieht, dreifach eingeschlossen in ihrem immunitären Narzissmus. – Im Zeichen dieser schicksalhaften Begegnung des kurzsichtigen Kalküls der einen (der Regierenden) und der absoluten Leichtigkeit und Selbstgefälligkeit der Anderen konnte diese ungeheure Vogelstraußpolitik gedeihen, deren Resultate man heute sieht.

Das Schlimmste an diesem kurzsichtigen Kalkül der Einen und Anderen ist ein widerlicher Hintergedanke, der sich in den Reptilien-Hirnen der Einen und Anderen eingenistet hat: Selbst wenn diese etwas schwerere Grippe Schaden anrichten wird, so werden es die Alten sein, die das Tribut bezahlen müssen – und wir, die wir jung und fit sind, brauchen uns also nicht über die Maßen zu beunruhigen… Die sozialen Netzwerke haben zumindest hierfür gedient: In völliger Missachtung des Nutzens jener plumpen Masken (die den Lippenstift verdecken, was für ein Horror) hat diese verrückte Jugend immerhin das eine Detail mitgenommen, das ihr wichtig ist: Erst ab 65 Jahren besteht ein ernsthaftes Risiko zu sterben. Auf diesem Gefälle des immunitären Ganzen, das heutzutage die demokratische Höflichkeit ersetzt, exponiert der heilige Egoismus dieser „Jungendbewegung“ [jeunisme] seine widerstandsfähige Qualität – angesichts der Epidemie.

Der schlafwandlerische Narzissmus ist genau das: Für mich ist dasjenige wichtig, das mich einem Risiko aussetzt. Ganz unwichtig ist mir die Tatsache, dass ich selbst zum Vektor der Ansteckung werden kann, und damit zum Agenten des Desasters. Die Epidemie ist ein unerbittlicher Ausdruck des gegenwärtigen Zustands dieser demokratischen Zivilisation.

C.C.: In einem Artikel, der am 26. Februar in der Tageszeitung Il Manifesto erschienen ist, schreibt Giorgio Agamben: „Jetzt, wo der Terrorismus als Grund für die Ausnahmenregeln ausgedient hat, scheint es, als könnte die Erfindung einer Epidemie den idealen Vorwand liefern, um diese Maßnahmen ins Grenzenlose auszuweiten.“[2] Agamben suggeriert, dass hier eine bestimmte gouvernementale Rationalität am Werke ist, wie Sie das ja auch tun, aber es ist offensichtlich, dass die Arten, diese Rationalität zu verstehen, nicht weiter voneinander entfernt sein könnten. Was denken Sie über diesen Vorschlag des italienischen Philosophen?

A.B.: Agamben spricht in seinem Text von der „Erfindung einer Epidemie“, und dies zu einem Zeitpunkt, zu dem diese Epidemie in Wuhan und der Provinz Hubei, hunderte wenn nicht sogar tausende Tote gefordert hat… Wenn ein bekannter Philosoph sich plötzlich zum Esel und zur öffentlichen Gefahr macht, indem er solch abwegiges Zeug veröffentlicht, scheint es mir die Aufgabe anderer Philosophen zu sein, darauf hinzuweisen und zu sagen, dass in diesem Artikel weitaus mehr gesagt wird als nötig wäre, um diesem Schlafwandler zu verbieten, sich in den nächsten 50 Jahren noch einmal über die öffentlichen Angelegenheiten zu äußern und ihn endgültig in die etymologischen Kleinkrämereien zu verweisen, die seine neuere Produktion kennzeichnen. Das Schlimmste ist natürlich, dass dieser Artikel, der in die verschiedensten Sprachen übersetzt wurde, sich wie ein Virus auf dem Planeten verteilt hat und in Frankreich beispielsweise die ultra-linke Gefolgschaft dieses Erleuchteten inspiriert hat, die auf Lundimatin und woanders ihre Fingerübungen mit demselben Motiv der imaginären Epidemie durchgeführt hat: die Epidemie als Vorwand für den Staat, um den Ausnahmenzustand wieder auszurufen… dies allerdings, bevor diese Leute die Rückkehr des Realen in die Fresse bekommen haben und, nachdem sie die Agamben’sche Seite heimlich wieder zerrissen haben, wieder zu deren Foucaldianischen Grundlagen zurückgekehrt sind… Ultra-links, vielleicht, aber vor allem Journalisten, Experten der Umkehrungen und Verdrehungen – „Verwische Deine Spuren!“ hat Brecht gesagt.

Der Artikel von Agamben zeugt wirklich von der Arroganz des Philosophen, der alles weiß, der alles entscheidet, der seinen politischen Gewissheiten erlegen ist, in seinen konzeptuellen Konstruktionen gefangen, unfähig, sich von seinen Überzeugungen zu lösen, um der Neuartigkeit eines Ereignisses gegenüber zu treten, das nicht seinen Vorstellungen entspricht… Ich sage Neuartigkeit, aber das stimmt natürlich nicht, denn es gibt in unserer jüngeren Geschichte verschiedenste Warnungen, die in Europa und dem globalen Norden nicht ernst genommen wurden – die SARS-Epidemie 2003, die Schweinegrippe (H1N1) 2009. Ich war 2009 in Taiwan und habe die Schweinegrippe aus der Nähe gesehen und bin zu dem Schluss gekommen, dass sie eine bedrohliche Zukunft hat, auch für uns in Europa, eine globale Zukunft. Ich habe das geschrieben und wurde dafür nur mitleidig angesehen – so sehr waren sich alle einig, dass die Vogelgrippe nichts als eine Verschwörung war, mit dem Ziel, die großen Pharmaunternehmen zu bereichern, so wollte es der gesunde Menschenverstand zu der Zeit als Madame Bachelot Gesundheitsministerin war.

Am traurigsten ist bei all dem die intellektuelle Starre angesichts der extremen Spezifizität eines Phänomens wie der Epidemie – und besonders, das kommt verschärfend hinzu, bei jenen Leuten, die mit Foucaults Schriften zur Biopolitik groß geworden sind. Der gesamte launige Text von Agamben beruht auf dieser Idee: die lokalen Autoritäten verordnen unverhältnismäßige Maßnahmen, um angeblich eine kleine Mini-Ansteckung zu bekämpfen, die in einem einzigen Kanton vorkommt – das muss bedeuten, dass sie eine (böse) Idee im Hinterkopf haben… und dazu eine Prise Ausnahmenzustand, auf die Art des Toinette, bei Molière – „Alles die Lunge, sage ich; alles die Lunge.“[3]

Man muss jedoch absolut unfähig sein, um nicht zu verstehen, dass ein epidemisches Phänomen kein statisches Objekt ist, sondern dass die erste seiner Eigenschaften im Gegenteil darin besteht, dass es in dem Moment, in dem man es in t „sieht“, schon längst bei t‘ angekommen ist, etc. Epidemien sind dynamische, veränderbare, ständig variierende bzw. mutierende Geschehen. Das ist der Grund, warum diejenigen, die versuchen sich zu beruhigen, indem sie sie auf bekannte Parameter reduzieren (in der Art: viel Lärm um eine einfache Grippe) Idioten sind. Und die Agambensche Blindheit, die sich selbst am Anfang der Pandemie epidemisch verbreitet hat, ist umso unverzeihlicher als man doch die Entwicklung in China vor Augen hatte.

Das zeigt eine ganz einfache Sache: wenn sie so sehr überzeugt waren, dass das chinesische Szenario sich nicht in unseren westlichen und temperierten Breitengraden wiederholen könnte, dann nur, weil sie völlig durchseucht waren von der immunitären Überheblichkeit, von der Gewissheit, die vor jeder Überlegung liegt, laut derer „diese Dinge“ bei uns nicht passieren, diese mehr oder weniger naturkatastrophenförmigen Ereignisse, die regelmäßig andere Völker, andere Länder, andere menschliche Welten an anderen Orten des Planeten heimsuchen und von denen wir wie durch eine unsichtbare Hand verschont bleiben – die unsichtbare Hand unserer intrinsisch immunitären Verfassung.

Dieses immunitäre Schlafwandlertum teilen jene starken Geister, die nicht an die Epidemie „geglaubt haben“ mit den Klimaskeptikern, die nicht an die Erderwärmung und die in Ausschicht gestellten Katastrophen glauben, mit Trump und seiner Rede von den „shithole countries“, die solchem Unheil ausgesetzt sind. All das, sei es in seiner Trump’schen oder Agamben’schen Version, ist politische Theologie für die Notleidenden – die Epidemie als imaginäre „Erfindung“ oder Bedrohung, als künstlich hergestellte Panik und nicht als unterbrechendes Ereignis, und dies nur aus dem einfachen Grund, dass die gute immunitäre Vorsehung über unsere Gesundheit in den Gegenden des globalen Nordens wacht.

C.C.: Sie sprechen, ein wenig rätselhaft, von einer „versteckten Wahrheit“ unserer Gegenwart, auf die uns die aktuelle pandemische Situation zurückwerfen würde. Welche Züge unsere Epoche sind es, die hier zum Vorschein kommen und die wir bisher nicht kannten – die globale Zirkulation der Waren oder des menschlichen Materials, das „zu jedem Preis“ verbraucht werden kann, die Zurückdrängung der Lebenden hinter die Imperative der globalen Wirtschaft, die Unbekümmertheit und die Stümperei der neo-liberalen Staaten gegenüber den ökologischen und gesundheitspolitischen Katastrophen, die sie auslösen, etc.?

A.B.: Tja, da sind wir nun, bei den bekannten Dingen, oder den angeblich bekannten Dingen, die nichts mit dem Verhalten der Menschen zu tun haben, die es nicht verändern, die ihre Erfahrung nicht bedingen und sich nicht mit ihr vermischen, es ist nur ein Lufthauch in ihren Köpfen. Die Leute wissen alles, sie sind von den Medien perfekt informiert – und sie waren, bei uns, bis zum Schluss epidemieskeptisch, so wie sie kriegsskeptisch [bellosceptiques][4] sind, so wie sie in der Praxis klimaskeptisch sind, in ihren Verhaltensweisen, angefangen bei der jugendlichen Bevölkerung der Café-Terrassen der Großstädte, von denen aus sie, hedonistisch und apolitisch, die Welt beurteilen bis zu den Flugzeugen, die sie nehmen, um ein Wochenende auf Mallorca zu verbringen, zu den SUVs, die die Straßen von Paris und Taipei verstopfen, und zu den schnalzenden Küsschen, die sie bis zur letzten Minute ausgetauscht haben… Man muss die Autopsie der Informationsmedien und der Nachrichten konsequent umsetzen, die Formen von „Wissen“ produzieren, die nicht darauf ausgelegt sind aufzuwecken, sondern einzuschläfern, die kein „Bewusstsein“ produzieren, sondern Lethargie und Schlafwandlertum – das dominante Regime des In-der-Welt-Seins in unseren Gesellschaften.

Das ist die schreckliche Tugend der Epidemie (denn wir betreten übergangslos ein Regime des Schreckens) – sie öffnet eine Bresche in der schützenden Hülle, die die Schlafenden von der Realität trennt. Dieser Einbruch ruft die Wahrheitseffekte hervor, von denen ich gesprochen habe: Jene Schläfer, über deren Existenz plötzlich das Damoklesschwert der epidemischen Krise (im Zeichen des Desasters) schwebt, berühren auf einmal oder haben den Hauch einer Intuition davon, was unsere Gegenwart, unsere Epoche substanziell ausmacht: ihr dezidiert spektraler Charakter; und zwar in dem Sinne, dass die Welt, die wir noch zu bewohnen glauben (ja, Heidegger…), schon nicht mehr existiert. Wir leben nicht nur „auf Kredit“, wie man heute sagt, vielmehr sind die materiellen und spirituellen Grundlagen dieser Welt zusammengebrochen und wir bewohnen nur noch die Illusion ihrer Stabilität oder Solidität, aus reiner Trägheit.

Wenn die Epidemie beginnt, die Lungen zu zerreißen, zerreißt sie zugleich die Illusion, dass wir in dieser Welt atmen können [nous vivrions dans un monde respirable]. Sloterdijk hat gezeigt, dass uns die Frage nach der Erträglichkeit [respirabilité] unsere Welt seit dem Anfang des 20. Jahrhunderts, seit dem ersten Tag des Gaskriegs 1915 verfolgt.[5] In unserem „normalen“ schlafwandlerischen Zustand verstehen wir unsere Fähigkeit und unser Recht zu atmen als gegeben. Doch in der neuen wirklichen Realität wird dieses Recht in Frage gestellt oder zumindest ist es aleatorischen Bedingungen unterworfen – das Virus stellt es radikal in Frage und die Autorität, die Regierenden, scheitert genauso radikal daran, es zu verteidigen. Was ich hier zur Epidemie sage, gilt genauso für die Klimaerwärmung – die Migranten sind die Opfer der Klimaerwärmung, die die Luft bei ihnen verseucht – wie für die nukleare Aufrüstung – eine unendlich über der Menschheit schwebende Bedrohung, ihre Lungen zu karbonisieren, wie die Amerikaner dies euphorisch in Hiroshima und Nagasaki getan haben.

Dieser Teil der Realität, der von der Epidemie offengelegt wird, ist wahrer als das Reale. Nur in Euren Träumen, in Euren schlafwandlerischen Träumen ist das freie und gefahrlose Atmen Euer elementarstes Recht – ein Recht, das sich einer natürlichen Funktion angleicht. Es zeigt sich, dass dort, wo für die Bevölkerung der Café-Terrassen, die der sogenannten öffentlichen Demokratie ihre Leichtigkeit und unendliche Belanglosigkeit gibt, wo alles Wissen von der Unterhaltung absorbiert und im Gemurmel der Nachrichten ertränkt werden, wie in Camus Pest, einzig die Katastrophe, die wie ein Bergrutsch auf die Leute niedergeht, eventuell fähig wäre, so etwas wie eine Erfahrung hervorzurufen – die Erfahrung des Einbruchs des Realen in die verwunschene Welt der Aktivitäten, des Austauschs im Zeichen des Spektakels (wie der Andere sagte) und des Warenfetischismus, der Obsoleszenz der historischen Bedingungen.

Was unter diesen Bedingungen nötig ist, ist die eine Form der Erkenntnis, die vor keiner Grausamkeit zurückschreckt, wenn sie sich den Wissensformen der kulturellen und kommunikativen Industrie entgegenstellt, die das weiche Kissen formen, auf dem die Schlafenden ihren Kopf betten (wenn sie nicht durch die Straßen streifen, in der Umgebung der Café-Terrassen, als lebende Tote, als Zombies à la Romero). Die Grausamkeit, von der ich hier spreche, bestünde zunächst darin, sich zu fragen, was genau jener Zustand der Mündigkeit (der Bürger unsere Demokratien) im globalen Norden ist. Bürger zu sein, so könnte man sagen, müsste weniger damit zu tun haben, eine bestimmte Reserve an Rechten und Vorteilen zu haben (wählen, laut schreien, wenn man dazu Lust hat, sich frei bewegen…), als vielmehr mit der Fähigkeit, bestimmte Prüfungen in der Form von Tests zu bestehen: ich meine, im Kontext der derzeitigen Prüfung und so wie sich ihre Konturen bereits seit Anfang des Jahres 2020 abgezeichnet haben, individuell und kollektiv das Auftreten einer ernsthaften Gefahr wahrzunehmen, ihre Charakteristika zu analysieren (ihre Singularität), sich darauf vorzubereiten – kurz gesagt, sich auf der Höhe des katastrophalen Ereignisses zu bewegen.

Doch offensichtlich haben unsere Zeitgenossen (ich überlasse das Staatsbürgervokabular den Schülern von Monsieur Rosanvallon) angesichts dieses Tests und bis zu dem Zeitpunkt, in dem ihnen der virale Himmel auf den Kopf gefallen ist, maximal versagt – aus dem einfachen Grund, dass sie, eingeschlossen in ihren immunitären Anmaßungen, die Vogelstraußpolitik bis zum Ende verfolgt haben. Und das im Einklang mit einer Autorität, die gleichermaßen den Boden verloren hat – die Kommunalwahlen[6] haben doch ein anderes Kaliber als der „chinesische Virus“, oder? Das ist der Aderlass des Realen im Kopf dieser Leute, das Paradigma Buzyn: Eine ranghohe Ärztin, Immunologin, Gesundheitsministerin, die ihren Posten verlässt (auf Befehl, perinde ac cadaver), um einen von Anfang an verlorenen Wahlkampf zu führen und im Nachhinein die Pythia spielen zu und so zu tun, als ob sie von Anfang an das Ausmaß des Desasters verstanden hätte.[7] Die Lage ist ernst, diese Gauner haben ein enormes Problem mit dem Realen, das unbedingt diagnostiziert werden muss, um daraus endlich die Konsequenzen zu ziehen…

Aber ich schweife ab: Worauf ich eigentlich hinauswollte, ist dass man auf dem Rücken der gouvernementalen und politischen Gauner trotz allem nicht alles abladen kann. Die Leute, die angeblich bürgerliche und mündige Gattung (im Andenken an den alten Kant…), haben auch ihre Verantwortung an der derzeitigen Katastrophe. Die Epidemie zeigt mit einer unerhörten Grausamkeit, die angesichts großer Katastrophen in Form eines desaströsen Ereignisses von einer grausamen Einsicht abgelöst wird, nämlich dass die marktliberalen Demokratien in keinster Weise von mündigen Menschen à la Kant bewohnt sind – von menschlichen Subjekten auf der Höhe ihrer Aktualität. Dialektisches Bild: Als sich die Ausgangssperre abgezeichnet hat, sind jene Pariser*innen, die dazu die Möglichkeit hatten, mutig auf die Autobahn gestürzt, um sich in den sicheren Hafen ihrer Zweitwohnungen auf dem Land zu flüchten; das bringt sofort den denkwürdigen Bericht von Léon Werth über die Niederlage (la Débâcle) im Juni 1940 in meinem Exilanten-Kopf in Erinnerung: 33 Tage ist der Titel, lesen Sie das, das wird Erinnerungen an die unmittelbare Gegenwart wachrufen…

 

Im Krieg? Was mit uns passiert, Teil 2
(24. März 2020)

Cédric Cagnat: Könnten Sie über die geopolitische Dimension der Epidemie sprechen? Und besonders über die Frage, wie sich die Epidemie in den Kontext eines neuen Kalten Kriegs zwischen China und den USA einschreibt.

Alain Brossat: Jena-Luc Nancy beginnt seinen schönen Beitrag zur Epidemie auf YouTube mit einer schwierigen Formulierung, wenn er von dem „aus China importierten Virus“ spricht.[8] Das ist eine absolut bedauernswerte Formulierung, weil sie dazu führen kann, einen orientalistischen Diskurs wieder zu erwecken, der aus den Tiefen des europäischen 19. Jahrhunderts stammt und für den Asien und besonders Ost-Asien oder der sogenannte „Ferne Orient“ [Extrême-Orient] (sprechen wir für die Vereinigten Staaten von „Fernen Westen“, mit allen zweifelhaften Konnotationen des Begriffs des „Fernen“ [extrême]?) der anomische und überbevölkerte Herd ist, in dem Epidemien und anderen Plagen entstehen, die sich von dort in unsere zivilisierteren Breitengarde ergießen – als mikrobische, bakteriologische, virale Version der „gelben Gefahr“.

Der Begriff „importiert“ ist hier besonders verheerend: er essenzialisiert die Lokalisierung des Virus, obgleich das „Narrativ“ (wie man heute sagt) des Ursprungsherds – der Tiermarkt von Wuhan mit seinen Schlangen, Fledermäusen und Liebhabern jener bedenklichen Suppen aus diesen Tieren – von den Spezialisten seit Langem in Frage gestellt wird. Es handelt sich dabei um eine rein eurozentrische Annahme, die behauptet, dass diese Epidemie eher in China als beispielsweise in Norditalien oder woanders auftreten musste. Der Schlüssel zu dieser Epidemie ist jedoch nicht der vermeintliche Ursprung (wo ist der Patient Null?), sondern die Dichte der Zirkulationen, besonders durch den Luftraum, die die Flughäfen zu kriechenden Clustern der Epidemie in einer bestimmten Zone der nördlichen Hemisphäre macht – die damit genauso Europa und Nordamerika wie China und Ost-Asien einschließen. Indem Jean-Luc Nancy die große Erzählung der asiatischen imported plagues aufruft, bewegt er sich in der Nähe jener Menschen, die einen zynischen und widerlichen Vorteil aus der aktuellen epidemischen Konfiguration ziehen, um daraus einen Einsatz des Kalten Kriegs zu machen, um diesen wieder anzukurbeln und zu intensivieren: Trump und seine Bande, die weiterhin vom „chinesischen Virus“ sprechen, die Agitatoren des Wall Street Journal, die in ihren Leitartikeln von China als „dem kranken Mann Asiens“ sprechen, und die Aufrührer der Taiwanesischen oder Hongkonger Unabhängigkeitsbewegung, die in ihren Chats auf den sozialen Netzwerken ununterbrochen von einem Virus „Made in China“ sprechen.

Man hätte annehmen können, dass die Ernsthaftigkeit der Situation angesichts der Ausbreitung der Pandemie auf globaler Ebene die Spannungen mildern oder gar unterbrechen würden, die in den letzten Jahren zwischen den USA und China immer stärker geworden waren – Wirtschaftskrieg, Souveränitätskonflikt im Chinesischen Meer, Unruhen in Hongkong, etc. Diese Spannungen haben eine globale Dimension, sie stellen nicht zwei überdimensionierte Nationalstaaten einander gegenüber, sondern vielmehr zwei große Gebiete, die sich in einer immer direkteren Konkurrenz zueinander befinden, nicht nur in der asiatischen Pazifik-Region, sondern auf globaler Ebene. Hier wird v.a. der Fortbestand der US-amerikanischen Hegemonie in Frage gestellt. Man hätte also denken können, dass die Regierenden der betroffenen Mächte und die Meinungsmacher des Westens den Tatsachen ins Auge sehen: Die Situation an der Front der Epidemie ist schwerwiegend genug, auf globaler Ebene, dass eine Art Waffenstillstand notwendig wird, eine Unterbrechung der Feindseligkeiten an der Front des neuen Kalten Kriegs und damit auch der anti-chinesischen Agitation.

Es geschieht aber genau das Gegenteil und das sagt Einiges über die politische und moralische Qualität dieser Eliten, und über die Höhe, auf der sich ihre Sicht der Gegenwart und der Zukunft bewegt. Die Tatsache, dass der chinesische Staat, der aufgrund bürokratischer Schwerfälligkeiten (von denen zu zeigen bleibt, dass sie spezifisch chinesisch sind) tatsächlich zu spät in die Schlacht gezogen ist, diese mit großer Entschiedenheit, einer organisatorischen Strenge und Mitteln geführt hat, die es erlaubt haben, die Epidemie in wenigen Wochen einzudämmen – diese Tatsache hat bei den regierenden, medialen, akademischen westlichen Eliten zu schrägen Kommentaren und einer andauernden Verunglimpfung geführt bis hin zu einer offenen und massiven Ablehnung. Das Argument, dass die Epidemie in China durch freiheitsraubende Maßnahmen bekämpft wurde, unter Rückgriff auf disziplinäre Mittel, die einem Polizeistaat eigen sind, und im Stil einer autokratischen Macht – dieses Argument ist in der westlichen Propaganda ständig wiedergekommen und hat besonders die französische Presse, vom Figaro bis zu Lundimatin, verstopft.

Doch was sieht man nun bei uns, seitdem die Staatsmänner sich mit einer unendlichen Verspätung und in einem allgemeinen Drunter und Drüber endlich über den Ernst der Lage bewusst geworden sind? Man sieht, dass ausschließlich durch die Rede des Präsidenten ein verschärfter Ausnahmezustand [état d’urgence aggravé] durchgesetzt wird, der aufgrund seiner Einschränkungen der öffentlichen Freiheiten eher einem Belagerungszustand [état de siège] gleicht, ein Dispositiv, das dem Kriegszustand entspricht. Nicht umsonst hat Macron diesen Begriff in seiner Rede ständig wiederholt. Es handelt sich tatsächlich um Maßnahmen aus Kriegszeiten, die umgesetzt und der Bevölkerung auferlegt werden. Ich sage damit nicht, dass das Ausgangsverbot und all die damit einhergehenden Einschränkungen der Freiheit nicht notwendig waren, angesichts der Verspätung im Kampf gegen die Epidemie; ich sage nur, dass wenn man permanent auf den quintessentiellen Unterschied zwischen „Demokratie“ und „Polizeidiktatur“ verweist, die Regierenden sich nicht ganz so ritterlich auf dem Geist der Verfassung, der Gewaltenteilung und all diesen schönen Dingen ausruhen sollten – und dass über die Durchsetzung eines Ausnahmezustands zumindest im Parlament abgestimmt werden sollte, selbst wenn es eine Notabstimmung wäre.

In der Demokratie zählen die juridischen Formen, der Geist der Gesetze, wie der Andere das nennt. Doch unter den gegenwärtigen Bedingungen findet eine Umgehung aller legaler Prozeduren statt, genauso wie wenn man die Expeditionskorps in Krisengebiete entsendet: Man führt Kriege als seien sie Polizeioperationen, bei denen der Feind zu einem Verbrecher oder outlaw wird; man führt den „Krieg“ gegen den Virus im perfekten Stil des Polizeistaats. Und es hat gerade erst angefangen, wait a minute, you haven’t seen a thing, yet…

Es war wirklich unnötig, in den letzten Wochen mit einer derartigen Bösartigkeit den autoritären Stil zu stigmatisieren, mit dem China die Epidemie „unterdrücken“ konnte, um nun selbst genau dort hinzugelangen…

Amüsant daran ist, wenn man das so sagen darf, dass die wenigen weisen Verfassungsrechtler, die die Stirn in diesem Zusammenhang in Falten gelegt haben, dies nur hinsichtlich der Form getan haben, in der die… Verschiebung des zweiten Wahlgangs [der Kommunalwahlen] auf Juni vollzogen wurde. Dass der Staatschef darüber hinaus einfach nur durch eine im Fernsehen übertragenen Rede das gesamte Land in seine Wohnungen verbannt hat, im besten bonapartistischen Stil, das scheint ihnen nicht den Schlaf zu rauben. Und noch amüsanter: Erst nach dieser exemplarischen Verwendung des bonapartistischen Performativs gibt man uns zu verstehen, dass die Durchsetzung einer Art Notstands vorbereitet würde… Woran man wiederum sieht, dass der beste aller Ausnahmezustände derjenige ist, der sich nicht die Mühe macht, irgendeine Form zu befolgen und einzig aus dem Wort des Chefs hervorgeht. Aber dann muss man das Regime, das hier durchgesetzt wird, auch beim Namen nenne: Eine Diktatur (vom Verb dictare), im ursprünglichen römischen Sinne des Begriffs… Und wo ist dann der Unterschied zum Umgang mit der Epidemie in China, durch den „Diktator“ Xi? Man weiß es nicht genau, es ist verwirrend…

Die Tatsache, dass der Notstand erst a posteriori verhängt wurde, durch eine mindestens verstohlen zu nennende Abstimmung im Parlament, ist das Sahnehäubchen auf der Torte – in einer Demokratie, oder einer angeblichen Demokratie, werden die Dinge nicht in dieser Reihenfolge gemacht. Als die japanische Regierung den USA nach dem Angriff auf Pearl Harbor den Krieg erklärt hat, haben alle in den westlichen Demokratien von Treubruch gesprochen. Das ist dasselbe Prinzip. Wenn die Abstimmung im Parlament nur noch dazu dient, einen Stempel auf eine souveräne Entscheidung zu drücken, die vom Herrscher bereits getroffen wurde, ist sie nur ein weiterer Witz.

C.C.: Auf der Höhe des Ereignisses zu sein, sagen Sie, heißt, uns aus unseren Verblendungen und Verweigerungen zu lösen, aus einem Zustand des schlafwandlerischen Eingesperrtsein in einem cocoon, in unseren immunitären Blasen, und uns radikal umzuorientieren. Mich würde interessieren, an welches „Wir“ Sie denken. Die jupitergleichen Anrufungen einer nationalen Einheit, die angeblich angesichts dieser neuen Situation wiedergefunden worden wäre, lassen uns natürlich nicht die wesentliche Teilung politischer Natur vergessen, die die letzten 14 Monate der Aufstände und Proteste mehr als je hervorgehoben haben. Es ist ganz unzweifelhaft so, dass die üblichen Nutznießer der hyperkapitalistischen Maschine großes Interesse haben werden, dass die neoliberale Ordnung der Dinge, nach dem Gewitter, wieder ihr Recht bekommt und noch verstärkt daraus hervorgeht. Hinsichtlich der großen Masse, die diese Ordnung hinnehmen muss, ist das Portrait, das Sie von ihr zeichnen nicht dazu angetan, ein notwendiges Hochschrecken vorauszusehen, das in der Lage wäre, die Apsorptionsmacht des globalen und flüssigen Kapitalismus zu hinterfragen, in dem wir gefangen sind. In diesem Sinne funktioniert das wishful thinking der Einsperrung in den letzten Tagen sehr gut: So sagt der unausweichliche Edgar Morin, dass „die Ausgangssperre uns helfen kann, eine Detox-Kur von unserem Lebensstil vorzunehmen“;[9] und Frédéric Lordon fragt rhetorisch, ob der Coronavirus mit „seinem anklagenden Charakter, seiner Fähigkeit zum Skandal, der unerwartete Agent des Falls des Monsters“ wäre.[10] Können wir jetzt schon die Konturen dieser Bifurkation skizzierem, die Sie für notwendig halten, dieser „radikalen Wende“, um Ihren Begriff aufzunehmen? Und, vor allem, durch welche Instanz, durch welches Volk [peuple] wird diese Wende durchgesetzt?

A.B.: Eine der wenigen Dinge, die man uns in Frankreich noch zugute halten kann, ist die Tatsache, dass alles politisierbar ist, sehr schnell und sehr laut, dass es sehr schnell zu Auseinandersetzungen kommt, wenn ein Problem auftritt – und a forteriori im Falle einer größeren Krise –, dass die Lust an der Wortergreifung hier nicht verloren gegangen ist, v.a. unter den Eliten, die denken, sie hätten eine wohl begründete Meinung zu allem. Diese Falte, dieses Regime produziert tatsächlich eine Art des „Wirs“, das ein bisschen formlos und beweglich erscheint, aber doch ziemlich charakteristisch ist für unser Land. Auf der anderen Seite ist es die rhetorische Funktion des „Wir“ (die hier jedoch notwendig ist, nicht dekorativ), die von der Macht und den Eliten kultivierte Aufteilung zurückzuweisen zwischen jenen, die angeblich wissen, und jenen, die permanent pädagogisiert werden müssen. Das ist der etwas schräge Umweg, der es einem erlaubt, seiner Wut Luft zu machen (wie ich es teilweise im ersten Teil dieses Textes tue), ohne dadurch zu behaupten, irgendjemand zu belehren – es sind die Experten und die Regierenden, die die Menschen belehren, und im derzeitigen Fall hat man gesehen, mit welchem Erfolg – wo waren diese Idioten, diese Kompetenten, diese geborenen Pädagogen um den 15. Februar herum, als sie hätten anfangen müssen, Klartext zu reden und sich für die Schlacht aufzustellen? Also wettere ich, ich bin wütend, aber ich sehe nicht, warum ich irgendjemand belehren sollte, ich besetze vielmehr eine Position und ich tue meinen Job – das heißt nicht, im Neudeutsch der sozialen Netzwerke, auf das Ereignis zu „reagieren“ („Reagieren Sie auf diesen Artikel!“), das heißt vielmehr durch die Arbeit des Denkens und durch einen bestimmten Stil der Verkettung der Sätze zu versuchen, den Dingen gegenüber zu treten (ich habe oben gesagt: sich auf der Höhe des Ereignisses zu halten…) Die Arbeit des Denkens, an der wir uns immer wieder auf eigene Verantwortung versuchen – und man kann hier vollkommen daneben liegen, wie Agamben in seinen wiederholten Hirngespinste über Covid 19 diese Arbeit hat nur einen Sinn, wenn sie mitreißt [embarquer], nicht um zu indoktrinieren, noch nicht mal unbedingt um zu überzeugen, sondern eher um anzustecken [contaminer], das heißt den Affekt des Denkens angesichts des katastrophalen Ereignisses zu verbreiten, zu verstreuen. Dort kann man ein „Wir“ fabrizieren.

Man kann angesichts der Epidemie nicht nur die richtigen Gesten, die richtigen Verhaltensweisen, die richtige Disziplin teilen, sondern auch das Denken. Wenn wir angesichts dieser Katastrophe nicht unser eigenes Denken produzieren (das „unser“ ist hier auf andere Weise kollektiv), dann verbleiben wir unter der Fuchtel des Staats – selbst wenn dieser gerade im Angesicht dieser globalen Herausforderungen bankrott geht. Und wenn es notwendig wird, dass wir unsere eigenen Formen des Gegenangriffs, des Widerstands, des Kampfes, der Organisation gegenüber der Epidemie entwickeln (wozu uns ein Text auffordert, der momentan im Netz zirkuliert[11]), indem wir die einfache Lösung zurückweisen, die bedeuten würde, uns unter die Flügel dieses Staates zu flüchten, der uns im Stich gelassen hat, dann ist es nicht ausreichend, diesen Entzug einzig in Begriffen von alternativen Verhaltensweisen zu denken, sondern es ist auch notwendig, ein eigenes Denken der Krise zu entwickeln, ein Denken eines Volks der Epidemie, ich meine damit eines Volks, das das Leben dem Versprechen des Todes durch den Virus entgegenstellt. So wie es während der Episode der Gelbwesten ein Volk des Kreisverkehrs gab.

In einer solchen Konfiguration zu denken, wirklich zu denken, müsste bedeuten, einen Gedanken bis zum Schluss zu verfolgen, ihn radikal bis zu seinem Ende durchzudenken, was allerdings immer auch heißt, dass sich die Energie (die Kraft) einer bestimmten Boshaftigkeit mobilisieren lässt: Zum Beispiel bedeutet dies im französischen Kontext, die Art und Weise zu denken – und dieser Punkt ist zentral ¬–, in der die Bevölkerung von den Regierenden angesichts des Virus im Stich gelassen wurde. Wenn man diese Idee konsequent zu Ende denkt, dann kommt man zu der Einsicht, dass das Aufgeben der Bevölkerungen, auf einer elementaren Ebene verstanden als kollektiver und individualisierter lebendiger Körper, nicht Resultat einer Unaufmerksamkeit ist, sondern es vielmehr etwas ist, das organisiert werden muss. Und dieses Etwas, das sich organisiert und in der Dauer produziert wird, nimmt unter den Bedingungen der Epidemie die Form einer reinen und einfachen Aussetzung der Bevölkerungen gegenüber dem Tod an.

Wenn Foucault von der Thanatopolitik (Achille Mbembe spricht von Nekropolitik) als der dunklen und furchtbaren Seite der Biopolitik spricht, nennt er als Beispiel die Atommacht als tödliche Bedrohung einer menschlichen Masse. Heute handelt es sich um eine weniger offensichtliche, heimlichere und anscheinend weniger skandalöse und brutale Thanatopolitik, doch es wäre falsch, sich zu täuschen: Die Geste der Aussetzung ist dieselbe, wie wir heute sehen. Angesichts der Überlastung der Krankenhäuser und des Ausmaßes der Epidemie wird immer stärker dazu übergegangen, eine Kriegsmedizin zu praktizieren, eine Medizin, deren erste Geste es ist, zwischen denjenigen zu unterscheiden, deren Leben man zu retten versucht (da ihre Überlebenschancen besser stehen), und denjenigen, die man dem Tod überlässt, die man sterben lässt, weil man die Bedingungen für ihre Vernachlässigung geschaffen hat.

Die „Krise der Krankenhäuser“ und des öffentlichen Gesundheitswesens, in deren Folge man angesichts der Epidemie eine Kriegsmedizin umsetzt, die darin besteht, die Schwächsten dem Tod zu überlassen, ist das Resultat einer heimtückischen Abnutzungspolitik, die von den der neo-liberalen Doktrin verschriebenen Regierenden nach und nach umgesetzt wurde. Die Aussetzung der Bevölkerungen ist keine unglückliche Abfolge einer Serie von Unaufmerksamkeiten oder Fehlern, es ist eine Politik. Wenn ein Phänomen von einem solchen Ausmaß wie die derzeitige Epidemie auftritt, wird es möglich, sie beim Namen zu nennen: Die Biopolitik wird wie ein umgekrempelter Handschuh zur Thanatopolitik.

Das ist die Art und Weise, in der die Regierenden (und die Eliten im Allgemeinen) ihre Beziehung zur Bevölkerung wahrnehmen, die sich im Zuge der letzten Jahrzehnte grundlegend geändert hat: die traditionellen Begriffe (mindestens seit Ende des Zweiten Weltkriegs) der Sorge, der Betreuung, des Rechts auf Leben, des Schutzes, kurz gesagt all dessen, was die Beförderung des Lebens in den Raum des menschlichen Pastorats einschreibt, all diese Begriffe sind zugunsten der Optimierung und Verallgemeinerung eines unternehmerischen, wirtschaftsnahen Modells zurückgetreten. Im Zuge dieser Veränderung neigt die Bevölkerung dazu, ein Attribut des Marktes als unhintergehbarer Horizont jedweder Gouvernementalität zu werden. Andersherum wird der Horizont des „Leben Machens“ in den Augen der Regierenden diffus – das ist auch der Grund, aus dem sie sich derart konstant darauf versteifen, den Untergang der Krankenhäuser, der öffentlichen Fürsorge für die Schwächsten, für die psychisch Kranken, für die Alten etc. zu organisieren. Sie verlieren nicht nur das Ziel der Erhaltung und Verbesserung des Gesundheitszustands der Bevölkerungen aus dem Blick, vielmehr zählt all das, was dazu bestimmt war, in ihren Augen zu den „Archaismen“, die es abzuschaffen gilt. Letztendlich ist der Untergang, der uns ereilt, wenn die Epidemie über uns hereinbricht, nichts als der Vergrößerungsspiegel, in dem wir in großen Buchstaben diese destruktive Politik, diesen gouvernementalen Nihilismus sehen können.

Um sich darüber klar zu werden, genügt es, einen Vergleich vorzunehmen: Wenn die Epidemie bis jetzt (ich klopfe auf Holz) in Taiwan eingedämmt werden konnte, dann nur weil die Behörden beim Auftreten der ersten Anzeichen und der erhöhten Gefahr in Wuhan die notwendigen Maßnahmen getroffen haben, nämlich die sehr strenge Kontrolle der Zirkulation, die Systematisierung der Tests und die individuelle Nachverfolgung der infizierten Personen oder der Verdachtsfälle und die Durchsetzung eines daran ausgerichteten Quarantänesystems. Sofort ist ein Alarmzustand (und kein Notstand) ausgelöst worden, den ein kompetenter Gesundheitsminister gestaltet hat, mit täglichen Pressekonferenzen, einer durchweg individualisierten Nachverfolgung der Kranken, ihrer Umgebung und ihrer Kontaktpersonen. Jedes Mal wenn ein Fall aufgetreten ist, wurde in seinem Umfeld eine Jagd auf den Virus veranstaltet, bei allen Menschen, die er getroffen haben konnte, und man versucht so, den Sumpf der Ansteckungen auszutrocknen. Parallel dazu werden Informationskampagnen durchgeführt, die die Menschen dazu bringen sollen, die Verhaltensweisen anzunehmen, die die Epidemie eindämmen können und dies nicht im Tonfall des Polizeistaats (durch Bedrohung und Sanktionen), sondern vielmehr indem der Staat als Lotse im Sturm auftritt. Es wird damit auch kein Klima der „heiligen Einheit“ hergestellt, sondern, in einem moderateren Ton und effizienter, ein konsensueller Zusammenschluss gegen die Epidemie. Die Methode bewährt sich: Bis heute gibt es wenige Tote und um die hundert Infizierte (Gesamtbevölkerung der Insel: 23 Millionen, eine Bevölkerungsdichte von 653 Personen pro Km2 gegen 205 in Italien).

Gleichwohl sind die Leute, die diesen Kampf gegen die Epidemie geführt haben, ihrerseits ultra-liberal und in anderen Fragen (in der internationalen Politik) eine echte Zumutung. An diesen kleinen und großen Dingen sieht man, dass die Epidemie die herkömmlichen Orientierungen durcheinanderbringt. Die Bedingung dafür, dass in Taiwan solch ein allgemeines Dispositiv entfaltet und erprobt werden konnte, ist natürlich, dass die Autoritäten sich um die Unversehrtheit der Bevölkerung sorgen, dass sie sich dafür verantwortlich fühlen. Im Gegenteil zeigt die Art und Weise, in der unsere Regierenden den Aufgaben ausgewichen sind, die ihnen das Voranschreiten der Krankheit auferlegt hat, v.a. nachdem sich diese in Norditalien eingenistet hatte und eindeutig geworden war, dass Covid eine staatenlose Krankheit ist, dass ihnen solche sorgenden Vorkehrungen völlig fremd waren. Das Resultat ist, dass die Leute immer noch keine Masken haben, um sich zu schützen, dass noch nicht mal die Pflegekräfte genügend Masken haben, dass die Menschen mit Symptomen nicht getestet werden können, dass es an Beatmungsmaschinen fehlt. Diese Art des Mangels, auch das wird organisiert. Im Strafrecht muss es dafür einen Namen geben…

In der Taipei Times lese ich, dass die Masken nun massenhaft in Europa ankommen, eine freundliche Gabe aus Kontinentalchina. Doch während diese Unterstützung Form annimmt, reißt der Kalte Krieg nicht ab. So ist der Titel des Artikels „China showers EU with Virus aid“ – eine Unterstützung, die im Artikel als „propaganda push“ und „soft power“ schlechtgemacht wird. So weit ist es gekommen…

C.C.: Was genau ist ihre Position angesichts des „Wir sind im Krieg“, das der „oberste Kriegsherr“ im Fernsehen verkündet hat und das zu so vielen Kommentaren geführt hat? Wenn ich Sie richtig verstanden habe, sind Sie mit dieser Formulierung einverstanden, aber um welchen Krieg handelt es sich? Gegen wen oder gegen was wird er geführt?

A.B.: Es erscheint mir völlig belanglos, sich auf diesen Punkt zu versteifen, das ist das falsche Problem. Wenn man sagen möchte, dass man gegen den Coronavirus keinen Krieg führen kann, im Sinne der klassischen europäischen Tradition, weil er keine menschliche Gestalt hat und somit auch nicht die eines ausländischen Souveräns, dann kann ich dem nur zustimmen – aber was ist gewonnen, wenn man derart offene Türen einrennt? Im Übrigen ist diese Art des Krieges schon lange ersetzt worden von dem was Carl Schmitt den diskriminierenden Krieg nennt,[12] in dem der Feind wie ein Verbrecher behandelt wird und die Kriege zu Polizeioperationen werden. In diesem Sinne wird es interessanter: Gegen den Virus wird ein „totaler“ Krieg geführt, mit dem Ziel ihn auszumerzen – soweit es geht. Und dieser Krieg ist ununterscheidbar von einer globalen „Polizeioperation“. Außerdem haben wir es natürlich mit einer Art Kriegszustand oder Belagerungszustand zu tun, wenn die Armee in den Straßen patrouilliert, wenn immer mehr Ausgangsperren verhängt werden, wenn die Bevölkerung gehalten ist, ihre Wohnungen nicht zu verlassen. Dort wo Dispositive und Maßnahmen aus Kriegszeiten verhängt werden, befindet man sich in einer Art Krieg.

Bei der öffentlichen Erklärung von Macron liegt das Problem vielmehr darin, dass die heilige Union von Regierenden und Regierten, von Staat und Bevölkerung, dass diese patriotischen Zusammenschlüsse in Frankreich in der derzeitigen Situation eine weltfremde Vorstellung sind. In China konnte das funktionieren, es war sogar die erste Voraussetzung für die Kampagne im Militärstil, die gegen diesen inneren Feind, den Virus, geführt wurde und der die Bevölkerung gefolgt ist – egal was die westliche Propaganda von Figaro bis Lundimatin sagt; abweichende Stimmen finden sich in einer solchen Konfiguration immer genug, um die Meinungsspalten der ultra-liberalen und ultra-linken Gazetten zu füllen. Aber in Frankreich kann ein solcher Zusammenschluss ohne öffentliche Debatte nicht von Oben angeordnet werden, vor allen nicht angesichts des Abgrunds, der sich in den letzten Jahren zwischen den Staatsleuten, den Medien-, Wirtschafts- und Politikeliten und den „Leuten“ aufgetan hat; und dies nicht nur, weil ein Teil der Leute, von denen die Rede ist, epidemieskeptisch waren. Die Rechnungen sind immer noch offen, die Messer sind noch nicht wieder zugeklappt und die Geschichte von einer heiligen Vereinigung, die alle Tafeln leer wischt, glauben sie nicht.

Unter diesen Bedingungen wird der Krieg gegen die Epidemie, so wie Macron ihn ausgerufen hat, sich in der Stunde der Gefahr oder der Katastrophe unausweichlich in einen Krieg gegen die Bevölkerung verwandeln, in der besten Tradition des französischen Staats, Republik oder nicht. Je mehr unsere Regierenden angesichts der Gefahr krachend Konkurs gegangen sind, um so klarer wird es, dass ihnen die Welle der Epidemie über den Kopf geschwappt ist (und, als direkte und weitaus gravierendere Folge, über den Kopf der Bevölkerung) und umso mehr werden sie versuchen, dieser Bevölkerung die „Schuld“ zu geben. Wir sind schon mitten drin und die Medien machen in diesem Punkt im größten Einverständnis mit: Die Leute respektieren die Anordnung nicht, die Leute sind verantwortungslos, die Leute verhalten sich völlig falsch – und folglich ist es notwendig, dass die Geldstrafen auf sie niedergehen wie ein Hagelschauer, dass die Polizei noch härter durchgreift, etc. Bald kommt der Moment der epidemiebedingten polizeilichen Übergriffe gegen den Typen, der seine Ausgangserlaubnis vergessen hat, der sich der Kontrolle entziehen will und von den Polizisten fertig gemacht wird, als Notwehr und noch dazu im Interesse Aller (man weiß ja nie, ob dieser Idiot nicht den Virus überträgt…)

Die Wahrheit ist, dass, nachdem die Autoritäten die Situation jenseits der Grenzen des Denkbaren haben verkommen lassen (es ließe sich eine 500 Seiten dicke Anthologie füllen mit den Anti-Schutzmasken-Literatur, die in den entscheidenden Wochen zirkuliert ist und der unsere Regierenden – und ihre „Experten“ – nichts entgegengesetzt haben – wahrscheinlich hatten weder die einen noch die anderen eine Meinung zu dieser Frage), sie jetzt versuchen, sich an den letzten Ästen festzuhalten, indem sie ultra-repressive Dispositive umsetzen, die per Definition in der derzeitigen Situation impraktikabel sind, allen voran ihr Herzstück, die Ausgangssperre.

Im Übrigen ist die Durchsetzung impraktikabler Dispositive bis zu einem gewissen Punkt auch Teil eines Kalküls: Es ist Teil derselben „Doktrin“, die auch die Geschwindkeitsbegrenzung auf 80 Kmh auf allen Straßen in Frankreich und Navarra oder die Anti-Luftverschmutzungsvignette inspiriert – von einem Tag auf den anderen darf das Auto, mit dem die Leute zur Arbeit fahren müssen, nicht mehr fahren… Die Undurchführbarkeit dieser Dispositive erlaubt es, einen permanenten Krieg mit variierender Intensität gegen die Bevölkerung zu führen, einen Abnutzungskrieg, indem die Leute mit Geldstrafen, Verboten, Drohungen bombardiert werden und der repressiven polizeilichen Willkür die Möglichkeit einräumt wird, nach Lust und Laune zu gedeihen. Je länger die epidemische Krise andauert, desto mehr wird sich dieser Krieg gegen die Bevölkerung mit dem Krieg, den Macron dem Virus erklärt hat, überlappen.

Aber dieser „Krieg“ hat noch eine andere Dimension. Am Anfang einer Epidemie beeindruckt sie durch ihren „egalitären“ Charakter – der Virus macht keinen Unterscheid zwischen dem Präsidenten und seinem Chauffeur, er lacht über die Unterschiede zwischen der Herkunft [races], den Geschlechtern, den sozialen Bedingungen. Dieser Virus hat die Besonderheit, dass er die Kinder verschont – indem er sie zugleich als Überträger der Infektion mobilisiert. Aber je weiter sich die Ansteckung ausbreitet, sich einnistet, ihre Verwüstungen anrichtet, desto mehr treten die Ungleichheiten wieder in den Vordergrund und es sind die Schwächsten, die dem Virus am stärksten ausgesetzt sind, diejenigen, die nicht die Mittel haben, sich einzumauern, die unter prekären Bedingungen leben, die keine Wohnung haben, die Migrant*innen, die Verlassenen. Mir wurde von einer Polizeipatrouille in Lyon erzählt, die Wohnungslosen eine Geldstrafe geben wollte, weil sie gegen die Ausgangsperre verstießen. Ich denke, man hat in dieser Szene, in dieser eklatanten Handlung, eine perfekte Miniatur dessen, was dieser Krieg gegen die Epidemie, der in einen Krieg gegen die Bevölkerung kippt, auf dem Terrain bedeutet.

Und zuletzt noch etwas: Während dieses sogenannten „Krieges“ läuft der Klassenkrieg nicht nur weiter, vielmehr tritt er in eine neue, entscheidende Phase ein: Indem angeordnet wird, dass die „lebenswichtigen“ wirtschaftlichen Sektoren weiter arbeiten müssen, dass die Leute, die dort arbeiten, trotz der gegenwärtigen Umstände zur Arbeit gehen müssen, fügen die Exekutive und die Arbeitgeber den strukturellen Formen der Ausbeutung eine erzwungene Gefahr der Ansteckung hinzu, die die absolute und diskriminierende Verneinung des Rechts auf Leben der Angestellten darstellt. An diesem Kipppunkt könnte man zu Agambens nacktem Leben zurückkehren. Das Leben der Leute wird in Geiselhaft genommen, und zwar nicht im Interesse der Allgemeinheit, sondern damit die Wirtschaftsmaschine sich weiterdreht. In diesem Sinne kann man auch von einem „Krieg“ sprechen: Die Kassiererinnen der Supermärkte werden ans Messer (der Epidemie) geliefert wie die Fußsoldaten an der Front, während der Offensive eines totalen Kriegs – „wie 1914“, könnte man sagen. Aber diese Erfassung des Lebendigen geht per Definition absolut über jeden Arbeitsvertrag hinaus, ganz egal wie mies er ist. Die Kassiererinnen sind nicht die „Liquidatoren“ von Tschernobyl. Die Reduktion der Angestellten auf nacktes Leben ist vielleicht die heimlichste und stillste Form dieses Krieges, es ist gewiss eine ihre niederträchtigsten. Die Ungleichheiten sind hier nicht nur eine Statusfrage oder eine Frage des Gehalts, sie werden überlebenswichtig: Sie florieren vor dem Hintergrund der Aufteilung zwischen denen, die aufgerufen sind, sich nicht auszusetzen [se dés-exposer] (die ihr Leben schützen sollen, indem sie zu Hause bleiben) und jenen, die aufgerufen, mobilisiert werden, sich auszusetzen (ihr Leben zu riskieren) im Namen von Interessen, die alles andere als die des Gemeinwohls sind. Es sind andere Versorgungswege denkbar als diejenigen der großen Ketten und Supermärkte, die zugleich das Leben der Kassiererinnen schonen würden. Hier ist das ausgesetzte nackte Leben im Übrigen gegendert…

Aus dem Französischen von Maria Muhle

Alain Brossat ist Professor emeritus für Philosophie an der Université Paris 8. Saint-Denis Vincennes, er lebt in Paris und Taipei, wo er ebenfalls Philosophie unterrichtet.

Cédric Cagnat ist Philosoph und unterrichtet am Gymnasium. Es ist der Webmaster der Webseite Ici et Ailleurs. Association pour une philosophie nomade.


[1] Am 16. März 2020 um 21h00 verkündete Emmanuel Macron eine landesweite Ausgangssperre und wiederholt in seiner 21minütiegen Rede sechs Mal die Wendung „Wir befinden uns im Krieg“ [„Nous sommes en guerre“]. [Alle Fußnoten A.d.Ü.]
[2] Giorgio Agamben, „L’invenzione di un’epidemia“, www.quodlibet.it/giorgio-agamben-l-invenzione-di-un-epidemia. Siehe hierzu auch die Antwort von Jean-Luc Nancy, „Eccezione virale“, https://antinomie.it/index.php/2020/02/27/eccezione-virale/, und die sich anschließende Debatte.
[3] Molière, Der eingebildete Kranke, 3. Akt, 14. Szene.
[4] Vgl. Alain Brossat, „Contre le Belloscepticisme“, lundimatin#227, 31. Januar 2020, https://lundi.am/Contre-le-bellosceptiscisme.
[5] Vgl. Peter Sloterdijk, Luftbeben. An den Quellen des Terrors, Frankfurt a.M.: Suhrkamp 2002.
[6] Am 15. März 2020 wurde in Frankreich der Erste Wahlgang der Kommunalwahlen durchgeführt. Der zweite Wahlgang, der für den 22. März angesetzt war, wurde auf unbestimmt Zeit verschoben. Die Wahlbeteiligung war mit rund 44 Prozent die niedrigste Beteiligung an einer Kommunalwahl in der Geschichte der fünften Republik. Am 16. März verkündete Emmanuel Macron die Ausgangssperre für ganz Frankreich. Die Notwendigkeit, das Haus zu verlassen, ist durch eine vom Arbeitgeber ausgestellten Bescheinigung oder eine Eigenerklärung nachzuweisen.
[7] Agnès Buzyn war bis zum 16. Februar 2020 Gesundheitsministerin im Kabinett Philippe, danach trat sie als Kandidatin der LREM für die Bürgermeisterwahlen in Paris gegen Anne Hidalgo an.
[8] Jean-Luc Nancy, „Un trop humain virus“, YouTube Channel „Philosopher en temps d’épidémie“, https://www.youtube.com/watch?v=Msu0hAJXdhw.
[9] Edgar Morin, „Ressentir plus que jamais la communuaté de destins de toute l’humanité“, Libération, 27. März 2020.
[10] Frédéric Lordon, „Coronakrach“, Les Blogs du Diplo, La pompe à phynance, 11. März 2020, https://blog.mondediplo.net/coronakrach.
[11] Vgl. den Aufruf „Face à l’épidémie, retournons la ‚stratégie du choc‘ en déferlante de solidarité“, 23. März 2020, https://lundi.am/Face-a-la-pandemie-retournons-la-strategie-du-choc-en-deferlante-de-solidarite. Dieser Aufruf wurde zugleich auf lundimatin, Médiapart, Reporterre, Bastamag, Terrestres, Politis, Rapports de Force, Mouvements, Regards und Contretemps veröffentlicht.
[12] Carl Schmitt, Die Wendung zum diskriminierenden Kriegsbegriff, Berlin: Duncker & Humblot 2007.

Eintrag vom 6. April 2020