Jörg Dünne

Kosmogramme

Geohistorische Skalierungen romanischer Literaturen

August Akademie

Mit dem Konzept des Kosmogramms trägt die neuere Wissensforschung dem Umstand Rechnung, dass die Bilder, die wir uns von der Welt machen, untrennbar mit ihren materiellen Erscheinungsformen verbunden sind. Weltbilder sind immer gemacht. Kosmogramme gibt es deshalb entgegen aller Versuche der Totalisierung einer bestimmten Weltanschauung nur im Plural. Angesichts der gegenwärtigen Diagnose des Eintritts in das Zeitalter des Anthropozäns, d.h. der Epoche einer geologischen Veränderung (aber vor allem möglichen Zerstörung) der Welt durch menschliches Einwirken, erlaubt es der wissenschaftliche und künstlerische Umgang mit Kosmogrammen, unser Verhältnis zur Welt anders zu verstehen als im Modus der Gegenüberstellung von Subjekt und Objekt. In ihren Überlegungen geht die Wissensforschung dabei vor allem von materiellen Gegenständen wie Karten oder Globen aus, die unser neuzeitliches Weltverhältnis prägen, und erforscht die Netzwerke, in denen sie stehen.

In seiner hier in einer erweiterten Fassung veröffentlichten Antrittsvorlesung nimmt Jörg Dünne diese Erwägungen auf, aber wendet sie auf die Literatur – als Mittel des Weltbezugs wie seiner Reflexion: In der Skizze einer literarischen Kosmogrammatologie stellt Dünne die Frage, inwiefern literarische Kosmogramme qua ihrer sprachlichen Natur ein spezifisches Weltwissen produzieren und auf dessen Transformationen reflektieren. Dies führt ihn auf eine Erkundungsreise durch die romanischen Literaturen von Luís de Camões (1524–1580) über Italo Calvino (1923–1985) bis in die argentinische Literatur der Gegenwart. Insbesondere in den Gedichten des Lyrikers Sergio Raimondi, dessen Texte in der Tradition der historischen Auseinandersetzung mit den weiten Ebenen des Graslands der Pampa stehen, entdeckt er eine spezifische Umkehrung der frühneuzeitlichen kosmogrammatologischen Öffnung auf das Universum zugunsten einer gegenwärtigen Rückwendung auf die Erdoberfläche. Die untersuchten Texte erlauben es, den Begriff des Kosmogramms weiterzudenken, indem sie in exemplarischer Weise auf die Brüche in sprachlichen Figurationen umfassender Ganzheit hinweisen.

Jörg Dünne ist seit 2017 Professor für Romanische Literaturen an der Humboldt-Universität zu Berlin. Von ihm zuletzt erschienen sind u.a. Die katastrophische Feerie. Geschichte, Geologie und Spektakel in der modernen französischen Literatur (Konstanz: kup 2016) und Die kartographische Imagination. Erinnern, Erzählen und Fingieren in der Iberischen Welt der Frühen Neuzeit (München: Wilhelm Fink Verlag 2011).